From: "Dana" <dana.aldea@arcor.de>

Subject: Marcos über Worte und Wege

Date sent: Wed, 14 Sep 2005 16:56:00 +0200


Marcos über Worte und Wege


Zapatistische Armee der Nationalen Befreiung


Eröffnungsworte von Subcomandante Marcos für das Vorbereitungstreffen

vom 10. September



Willkommen Compañeros, willkommen Compañeras, willkommen an alle

anderen:


Zunächst mal möchten wir den Compañeros und Compañeras des Dorfes

Javier Hernandez danken, die uns empfangen, und Ihnen zu einem

weiteren Jahrestag der Befreiung dieser Ländereien gratulieren, die

sich früher in den Händen der Finqueros befanden. Und zusammen mit

ihnen möchten wir auch all den Compañeros und Compañeras gratulieren,

die jetzt gerade den gleichen Anlass in den neuen Dörfern feiern, die

auf den Ruinen der Haciendas geboren wurden.


Für jene, die es noch nicht kennen, werde ich das Format dieses

Treffens erklären. Zuerst werden wir einige Worte sagen, dann melden

sich jene, die sprechen möchten hier am Tisch von Rebeldía an, und

dann werden Sie nacheinander an die Reiche kommen, und wir alle

werden zuhören. Es gibt keine Beschränkungen für Sprechdauer oder

Thema, aber wir hoffen alle, dass es um die Sechste Erklärung und die

"Andere Kampagne" gehen wird. Die Compañeros und Compañeras von

Rebeldiá werden zusätzlich Notizen von Ihren Präsentationen

aufnehmen, um ein Bericht zu schreiben, der zu den anderen

von den früheren Treffen angefügt werden wird, und von allen

eingesehen werden kann, die die Sexta unterstützen und sich der

"Anderen Kampagne" angeschlossen haben, ganz gleich ob sie an eins

der Treffen teilnehmen konnten oder nicht.


Ich geben Ihnen bekannt, dass nach dem Stand vom 5. September zu uns

zählen:


51 politischen Organisationen

95 indigene Organisationen

145 soziale Organisationen

395 Nichtregierungsorganisationen, Kollektive und Gruppen

1371 Einzelpersonen national

314 Einzelpersonen international



Compañeros und Compañeras:


Die Sexta und die "Andere Kampagne" stellen uns vor verschiedenen

Herausforderungen, Diskussionen und Definitionen. Einige haben sich

bereits in den letzten sechs Vorbereitungstreffen gezeigt und in der

sporadischen Debatte, die stattgefunden hat.


Da gibt es zum Beispiel die Debatte darüber was es bedeutet zur

Linken zu gehören, und was die Arbeit der Linken bedeutet- Es gibt

auch die Debatte ob die Gruppierung der Linken vor, nach oder während

der Gruppierung einer breiteren Front kommen sollte. Es gibt die

Debatte darüber ob die Wahlen mit einem kritischen Geist begegnet

werden sollten, oder in Gegenteil, zum Trommelschlag der Medien und

Umfragen. Es gibt die Debatte darüber, ob eine Organisation von

Organisationen oder eine Bewegung aufgebaut werden sollte,

eine vertikale und zentralisierte Struktur oder ein horizontales

Netzwerk. Es gibt die Debatte über Konzepte und Slogans. Es gibt die

Debatte über Zeiten und Orte.


Für jetzt möchten wir auf die Herausforderung von Worte und Wege

hinweisen. Denn wir haben gesagt, dass die "Andere Kampagne"

vorschlägt zuzuhören und einen Raum für das Zuhören zu errichten.

Die Sexta geht davon aus, dass die Errichtung dieses Zuhörens eine

Stufe ist, der andere folgen werden. Aber diese erste Stufe ist auch

sehr einzigartig, nicht nur weil sie so gegen den Trend steht,

sondern auch weil sie von etwas Gemeinsames ausgeht und sich

auf Unterschiedliches zusteuert, um eine neue, noch unbenannte

kollektive Identität zu errichten, ein "etwas anderes".


Um zu verstehen was oben vor sich geht, muss man sich das wie eins

dieser Fernsehprogramme ansehen, die Produkte verkaufen, wo einige

Informationen über die Vorteile des Produktes für das geworben wird

präsentiert werden, der Preis und die Sonderangebote für jene, die

bedrängt werden es zu kaufen. Da oben reden sie und machen

Versprechen, und das bedeutet, dass es Menschen gibt die den

Versprechen zuhören, die glauben und hoffen und verzweifeln,

dass das Versprochene erfüllt werden wird. Der Effekt, den diese

Versprechen zu erzielen suchen ist es als erstes Glauben in

Stimmabgaben zu verwandeln, und dann in passives Warten. Es gibt

zeitlich bedingte Sonderangebote für ein Kundenkreis, der zunächst

davon überzeugt werden müssen, dass ihre einzige Option darin besteht

das eine oder andere Produkt zu kaufen, dann, dass ihre einzige

Beteiligung darin besteht zu wählen, wer an ihrer Stelle die

Entscheidungen treffen soll, die sie betreffen, und zuletzt, dass sie

ihre emotionelle Haltung in zwei Zeitperioden organisieren sollten:

drei Jahre der Desillusionierung und drei Jahre des Suchens nach

einer neuen Illusion.


Zusätzlich sollten sie nicht die Tatsache in Frage stellen, dass sie

als Kunden für die Werbung des Produkts zu einem skandalös überhöhten


Preis zahlen müssen, besonders wenn man sich die "Debatte" zwischen

den PAN-"Kandidaten" ansieht, oder die Farce der internen Demokratie

der PRI, oder das hysterische Gezeter der PRD, die "Dieb, Dieb"

schreien, während sie ihre eigenen Verbindungen aufrechterhalten. Und

sie alle schreien Warnungen über die Rechte, das Unaussprechliche,

Populismus. Bei so viel Geschrei werden vielleicht einige arglose

Personen, die es durchaus gibt, vielleicht verwirrt und wählen aus

den Werbungen das kleinste Übel aus.


Der Kunde, der Bürger, zahlt für eine Vortäuschung. Da oben geben sie

vor, dass es verschiedene Programme gibt, sie geben vor er gäbe

Kompetenz, geben vor es gäbe Intelligenz und Wissen. Sie geben vor es

würden Veränderungen folgen, sie geben vor etwas anderes tun zu

wollen als nur vorzugeben.


Das Fernsehen belohnt die lukrativen Profite, die sie erhalten, und

sie feiert die Schauspielkunst der politischen Klasse. Die

Lächerlichen von oben ziehen sich ihre feinsten Sachen an, und Carlos

Salinas de Gortari reiht sich auf den Laufsteg ein, genau wie Roberto

Madrazo, Vicente Fox, irgendjemand von der PAN (er sollte einen Namen

haben, aber das scheint niemanden kümmern), die großen Reichen mit

Familiennamen aus den Gesellschaftsspalten und dem steigenden

Aktienmarkt. Die Ansicht der nun erschöpften progressiven

Intellektuellen redigieren und löschen ein weiteres Bild und einen

weiteren Namen: Andrés Manuel López Obrador. Seine Präsenz in

der perfektesten Porträtierung der "modernen" mexikanischen

politischen Klasse mit kritischer Aufmerksamkeit zu verfolgen würde

offensichtlich der Rechten in die Hand spielen. Und wenn sie die

Anwesenheit von Salinistas in der PRI und der PAN aufzählen,

unterlassen sie es auf ihre Delegierten in der PRD zu weisen. Wieso?

Vielleicht werden sie, wenn man ihre Existenz und Führungsrollen

verschweigt, einfach aufhören zu existieren und in der Partei

zu agieren, die sich selbst und ihr Anti-Salinismus als das einzige

präsentieren, das sie von den anderen unterscheidet, auch wenn es in

den Programmen und Prinzipien keine Unterschiede gibt. Nein. Sollen

die Wahlumfragen sprechen, und Analyse und Debatte schweigen.


Wenn die Kampagne von oben durch irgendetwas zusammengefasst werden

kann, dann durch ihre tiefe Verachtung für die Menschen, die

Verachtung ihrer Intelligenz, aber auch ihrer Würde.


Oben herrscht Spektakel, und es gibt keinen Raum mehr für etwas

anderes als Zuschauer, die dazu aufgefordert werden sich nicht einmal

mehr vorzustellen, dass etwas anderes nötig und möglich ist. Faulheit

als Medienversprechen: tue nichts, ich tue es für dich; sprich nicht,

ich spreche für dich, entscheide nicht, ich entscheide für dich;

denke nicht, ich tue so, als ob ich für dich denke. Das "wir", das

immer stärker wird, unten und links, will etwas anderes, die "Andere

Kampagne".


Unten, mit der "Anderen Kampagne", versuchen wir zuzuhören und zu

organisieren. Nicht weniger, aber nicht mehr. Nicht mehr als zuhören

und die Gelegenheit zu arbeiten, gemeinsam, zu tun was wir

entscheiden, gemeinsam, zu tun. Keine andere Erlösung wird

versprochen, außer durch Arbeit und Kampf, keine Abfindung außer der

Befriedigung seine Pflicht erfüllt zu haben. Hier werden keine

Positionen angeboten, auch kein Budget, sondern stattdessen Arbeit

und Opfer. Weder Einfluss, Empfehlungen, noch Unterwürfigkeit werden

hier gefordert, sondern Engagement, Intelligenz und

Vorstellungskraft. Hier gewinnt man keine Profite, nur chingas.

Kaufen ist hier nicht erforderlich, nur denken. Hier wird der

Kalender von Zusehen, gehen, zuhören, organisieren bestimmt werden,

unten und links.


Und die Worte und Wege sind unten und links.


Es gibt da Worte, die verschiedene Bedeutungen haben, je nachdem wer

sie spricht, zu wem sie gesprochen werden, wann sie gesprochen

werden und auf welche Weise sie gesprochen werden.


Da gibt es zum Beispiel das Word "Leid", und es ist nicht das gleiche

wenn es von einem Mexikaner ausgesprochen wird, der die Grenze

überquert oder auf der anderen Seite von der Grenzwache oder dem

Minutemen Projekt aufgegriffen wird. Wenn ein Indigena sieht, wie er

gleichzeitig durch Täuschung sowohl seines Landes als auch seiner

Kultur beraubt wird. Oder wenn ein Arbeiter oder Rentner sieht, wie

die soziale Sicherheit durch die Dekrete derer abgebaut wird, die

behaupten um die Rechte der Arbeiter besorgt zu sein. Oder wenn ein

Jugendlicher aus der Stadt oder vom Land wegen seiner Art sich

zu kleiden verfolgt wird; oder eine Campesina Frau, die an einem

Tisch sitzt, der nur mit Entbehrung gedeckt ist. Oder ein Bewohner

eins dieser Gebiete abgrundtiefer Armut, die sich im modernen Mexiko

ausbreiten. Oder ein Arbeiter, der auf eigene Faust die Gefahren am

Arbeitsplatz herausfindet. Oder ein Arbeitsloser, der Zeitungen und

Büros abklappert ohne Arbeit zu finden. Oder ein Straßenverkäufer,

der von der Polizei, Beamte und "Anführer" gefilzt wird. Oder eine

Lesbe oder ein Homosexueller, oder jemand dessen Liebe kriminalisiert

wird. Oder ein demokratischer Lehrer, der von Beamte, korrupte

Anführer und den Medien angegriffen wird; oder ein Künstler, der sich

weigert Müll für die Kommerzwelt zu produzieren. Oder ein

Aktivist in einer politischen Organisation, der wegen sündhafter

Worte wie "Demokratie", "Freiheit" und "Gerechtigkeit" unterdrückt

wird. Oder eine Mutter, Ehefrau, Tochter, Eltern einer verschwundenen

Person oder eines politischen Gefangenen, die nach Antworten suchen

ohne sie zu finden. Oder ein Fischer, der sich der Härte der Natur,

den Kojoten und den großen Konzernen stellen muss. Oder eine Freu,

die verfolgt wird, verachtet und enteignet wird, aufgrund des

einzigen Verbrechens kein Mann zu sein. Oder ein Aktivist in einer

NGO, der bei seiner Arbeit Leben und Ruf riskiert. Oder ein Musiker,

der wegen seiner Texte marginalisiert wird. Oder eine religiöse

Person, die es vorzieht unten zu wandeln, und links. Oder eine

indigene Person, die dreifach ausgebeutet wird: als arme Person, als

Frau und als Indigena. Oder ein Mann, eine Frau, ein Junge, eine

Mädchen, in irgendeine der vielen linken Ecken des unteren Mexikos,

die sagen: "Leid".


Es ist nicht das gleiche, aber es ist gleichwertig. Wenn sie "Leid"

sagen, sprechen sie von verschiedenen Leiden, aber dieses Leid findet

die Brücke, die sie in ein System vereint, das dieses Leid

hervorbringt, und jene, die dadurch leiden: das kapitalistische

System.


Die Sechste Erklärung hat sich entschieden. Sie hat sich nicht

entschieden in diesem Leben mit Resignation und Ergebenheit

zuzuhören, um ihre Abfindung im nächsten Leben zu erhalten, wie die

Rechte das anbietet. Sie hat sich auch nicht entschieden, mit der

unmöglichen Neutralität des "hier ein bisschen, dort ein bisschen,

weder das eine, noch das andere" zuzuhören, nach der die politische

Mitte strebt.


Sie hat sich entschieden mit dem Vorwurf und der Empörung der Linken

zuzuhören. Sie hat sich entschieden, dem Leid zuzuhören, und die

Natur der Ausbeutung, der Verachtung und Enteignung durch das zu

betonen, das für dieses Leid verantwortlich ist: das kapitalistische

System.


Die "Andere Kampagne" sollte den Unterschieden in dem Wort "Leid"

zuhören, das unten und links von denen gesprochen wird, die gegen

dieses Leid rebellieren. Und es sollte lernen, auf welche Weise

dieses "Leid" gesprochen wird


Aber die "Andere Kampagne" sollte auch die Brücke zwischen diesem

Wort und den anderen errichten, die ihr Name verleihen. Denn jene,

denen in der "Anderen Kampagne" zugehört wird, werden wissen, dass

sie das Leid mit anderen benennen, und wir werden die Gleichheit

dieser Unterschiede in der Rebellion und dem Widerstand herausfinden,

die sie hervorrufen.


Wir werden herausfinden, dass dieses Leid nur durch kollektiven Kampf

erleichtert wird, und nur durch eine neue soziale Beziehung gelindert

werden kann.


Diese Brücke ist das Nationale Kampfprogramm, der Linken und der

Antikapitalistischen.


Die "Andere Kampagne" schlägt deshalb vor, das Zuhören zu

organisieren, die Brücke, den Widerstand, die Rebellion zu

organisieren, sie kollektiv zu machen, und in eine Bewegung

tiefgehender und radikaler Veränderung zu verwandeln, mit jenen von

unten, durch und für jene von unten.


Die "Andere Kampagne" lässt sich durch diesen selbstersichtlichen

Satz zusammenfassen: "Was fehlt ist das, was fehlt."


Und das was fehlt, ist eine andere Art Politik zu betreiben.


Willkommen, zu diesem Versuch.



Vielen Dank.


Subcomandante Insurgente Marcos



* * *

(übs. von Dana)

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