From: "Dana" <dana.aldea@arcor.de>
Subject: Marcos: Eine kleine Geschichte über Señor Ik'
Date sent: Fri, 9 Sep 2005 14:12:46 +0200
Marcos: Eine kleine Geschichte über Señor Ik'
[vorgelesen bei der Eröffnung des vierten Vorbereitungstreffens für
die "Andere Kampagne", im neuen Dorf Juan Diego, Chiapas, 27. August]
von Subcomandante Insurgente Marcos
Dieser Teil des Landes auf dem wir uns treffen, heißt heute Juan
Diego Nuevo Poblado. Es gehört zum Autonomen Zapatistischen Bezirk in
Rebellion Franciso Gómez. Aber es hieß nicht immer so. Früher war es
eine Finca, und hatte den Namen Santa Rita. Die Finca umfasste etwa
6000 Hektar, und ihr letzter Besitzer war Señor Adolfo Nájera
Domínguez, aus Comitán, Chiapas, Mexiko. Vor langer Zeit arbeiteten
die Großeltern und Eltern einiger unser zapatistischen Compañeros auf
der früheren Santa Rita. Sie rodeten die Felder und schlugen die
Pfosten für die Umzäunung des Landes ein. Sie erhielten sieben Pesos
an einem Tag, das um sechs Uhr Morgens anfing und um sechs Uhr abends
aufhörte. Zwölf Stunden Arbeit für sieben Pesos.
Vor 13 Jahren, als die Bewohner der Gemeinde von San Miguel fischen,
Schnecken sammeln oder Feuerholz holen gehen wollten, wollte Adolfo,
der Finquero sie nicht durchlassen. Um sie ans Passieren zu hindern,
setzte er seine Guardas Blancas, bewaffnete Viehtreiber, um die
Indigenas zu bedrohen, die den Verbot nicht respektierten. Der
Stacheldrahtzaun, an dem ihre Eltern und Großeltern 12 Stunden am Tag
gearbeitet hatten, und die Waffen der Finca Wächter, hinderten die
Einwohner von San Miguel daran zum Fluss zu gehen und die Pfade und
Wege zu benutzen, die durch die Finca führten. Weder sie noch ihre
Tiere konnten auch nur ein Fuß auf einen der 6000 Hektar setzen.
Wenn ein Pferd oder ein anderes Haustier die Grenze überschritt,
waren die Anordnungen an die Wachen eindeutig: alles was sich auf
sein Land befand, gehörte ihm. Und so wurden die Tiere gestohlen und
irgendwo versteckt, bis der rechtmäßige Besitzer sich mit dem Verlust
abgefunden hatte.
So war das damals: die Indigenas hatten, von Sonnenaufgang bis zum
Sonnenuntergang (und zwar wörtlich) einen Zaun errichten, der sie
aussperrte. Weg von dem guten Boden, von Modernität, von
Gerechtigkeit.
Die Gemeinde von San Miguel hielt dann eine Versammlung ab und
beschlossen um ein Gespräch mit Señor Adolfo Nájera zu ersuchen. Das
Komitee ging um mit ihn zu sprechen, und sie schlugen höflich vor, er
möge der Bevölkerung von San Miguel den Zugang zum Fluss gestatten,
und die Tiere, die seine Finca durchquerten nicht belästigen. Die
Grenze, die San Miguel von Santa Rita trennte verläuft genau hier,
etwa 200 Meter von dem Ort an dem wir uns jetzt treffen. Der Finquero
hatte keine Verständnis, und er schenkte ihnen keine Aufmerksamkeit.
Er verspottete sie, er misshandelte sie, er bedrohte sie und er
verjagte sie. Am nächsten Tag ordnete er an den Stacheldrahtzaun zu
verstärken. Um das zu tun, heuerte er die Indigenas aus San Manuel
selbst an - für 14 Pesos für 12 Stunden Arbeit am Tag. Mathematik ist
nicht gerade meine Stärke, aber mir scheint dass der Abstand zwischen
Großeltern und Enkel, etwa 30 oder 40 Jahre und einen Unterschied von
sieben Pesos beträgt. Ich kenne mich auch mit Wirtschaft nicht sehr
gut aus, aber ich denke das nennt man Ausbeutung.
Die Gemeinde traf sich wieder, und sie rechneten einiges aus: auf der
einen Seite stehen Hunderte Indigenas mit ein Paar Hektar schlechtes
Land, felsig und abschüssig, auf dem man nicht einmal laufen konnte.
Das Land der Indigenas war wie das, das Sie dort sehen können: ein
Teil des Hügellands der Sierra von Corralchén. Auf der anderen Seite
der Grenze stand eine einzige Person mit 6000 Hektar gutes Land, auf
flachem, fruchtbaren Boden und mit gutem Wasser.
Sie sagten, dass die Vollversammlung der Gemeinde dann einiges
ausrechneten: kleines und schlechtes für viele auf der einen Seite,
vieles und gutes für nur einen einzigen auf der anderen Seite. Und
sie taten was alle Campesinos tun: sie ersuchten um Land. Und, wie
die Lieder erzählen, Jahre vergingen mit dem Antrag auf Land. Ihre
Komitees reisten zu allen Amtsstellen der Bundesregierung, reichten
alle Arten von Papieren ein, kooperierten mit allen um Komitees
überall hinzuschicken, obwohl sie sich das auch hätten
sparen können. Ihr Antrag auf Land erhielt niemals eine Antwort.
Dann kam ein Mann um mit einigen der Einwohner zu reden. Er war ein
Indigena, wie sie, von dunkler Hautfarbe, wie sie, Tzeltal, wie sie,
Mexikaner, wie sie. Sein Nom de Guerre war Hugo, aber er wurde Señor
Ik' genannt, ein Wortspiel mit den zwei Bedeutungen des Wortes Ik',
das auf Tzeltal sowohl "schwarz" als auch "Wind" bedeuten kann. Señor
Ik's Name lautete in Wirklichkeit Francisco Gómez. Mit seiner
langsamen Sprechweise, erklärte er ihnen was Ausbeutung bedeutete,
Verachtung, Repression. Er sprach von Rebellion und von Organisation.
"Es gibt da ein Wort", erzählte ihnen Señor Ik', "Zapatista, und es
bedeutet, dass das Land denjenigen gehört, die ihn bearbeiten, und
dass wir uns organisieren sollten um für unsere Freiheit als
Campesinos, als Indigenas und die Mexikaner zu kämpfen,
die wir sind." Es war wahrscheinlich schon Abend. Das worüber Señor
Ik' sprach war geheim, und es musste gehütet werden.
Deshalb marschierte Señor Ik' nachts, sprach nachts, erschien nachts.
Jene, die ihn in dieser Nacht hörten - als der Morgen die Dunkelheit
der Nacht noch nicht einmal berührte - sagten, sie wären
einverstanden. Señor Ik' machte sich wieder auf, und ein Compañero
gab ihm etwas Pozol und fragte ihn: "Und wie wird unsere Organisation
genannt?" Señor Ik' verstaute den Pozol in seinem kleinen Rucksack
und antwortete ihm: "Wir nennen uns die Zapatistische Armee der
Nationalen Befreiung."
Señor Ik' ging weg. Er marschierte durch andere Nächte, erschien in
andere Dörfer und andere Morgengrauen fanden ihn bei Gesprächen mit
Indigenas in dieser Gegend. Zunächst nur wenige, dann Dutzende, dann
ganze Dörfer, Regionen. Aber es war nicht immer so. Der Moment kam,
als Señor Ik' nicht mehr redete, sondern stattdessen zuhörte. Er
hörte der Empörung und der Wut zu. Er hatte sie schon früher gehört,
aber nun war es anders: die Wut und Empörung waren kollektiv
organisiert.
Señor Ik' hörte zu und marschierte wieder durch die Nacht, und an
einem anderen Morgen stand er in unsere Baracken, vor mir, mit einer
Tasse Kaffee ohne Zucker, nicht weil er das so mochte, sondern weil
wir keins hatten. Señor Ik' begann seine Rede mit einem Bericht über
seine letzte Reise durch Dörfer und Versammlungen. Es war kein
Bericht darüber was er gesagt hatte, sondern darüber was er gesehen
und gehört hatte. Er hörte auf. Wir schwiegen. Señor Ik' fing an zu
erzählen, scheinbar zusammenhangslos, von einem anderen Morgen, vor
vielen Jahren, als wir uns gerade getroffen hatten und nahe an seinem
Dorf lagerten. Damals hatte ich ihm die Geschichte von Ulysses' Kampf
gegen den einäugigen Riesen Polyphem erzählt. Señor Ik' hatte
entzückt gelacht, als ich den Teil erzählte in dem Ulysses sagt er
sei "niemand" und den Zyklopen besiegt. Señor Ik erzählte die
Geschichte auf seine eigene Weise, und so erzählte er sie auch mir
wieder. Plötzlich wurde er still und zündete eine Zigarette mit einem
Stöckchen an, denn er im Ofen angezündet hatte. Er hielt den
brennenden Zweig eine Weile in der Hand, dann sah er mir in die Augen
und sagte: "Oi, Compañero Subcomandante, deshalb glaube ich, dass
jetzt die Stunde der Niemande beginnt."
Wie Señor Ik' gab es damals Dutzende Compañeros, natürliche Anführer
ihrer Gemeinden und Regionen, die das gleiche taten wie er, und das
gleiche erzählten wie er: "jetzt beginnt die Stunde der Niemande". Es
war das Jahr 1992. Dann hielten wir die Consulta ab. Es wurde für
Krieg gestimmt.
In 1993 bereiteten wir uns vor. Und so wurde es Mai, der 23. Mai.
Dort oben, in der Sierra, die Sie von hier aus sehen können, hatten
wir eine Baracke für Aufständische. Sie hieß El Calabazas. Eine
Kolumne von Bundessoldaten waren in das Tal eingedrungen, und von
ihrer Basis in La Garrucha aus begangen sie sich in die Sierra.
Unsere Truppen und die Federales trafen aufeinander. Nach einigen
Kämpfen zogen sich unsere Truppen zurück und wurden von den
Einwohnern von San Miguel aufgenommen und von ihnen in eine
sichere Gegend geführt.
Die gesamte EZLN zog sich dann zurück. Unserer Meinung nach sollten
wir entscheiden wann der Aufstand begann, nicht der Feind. Wir hatten
vor langer Zeit gelernt, dass wir uns niemals den Zeitbegriffen der
Mächtigen unterwerfen durften, stattdessen sollten wir unserem
eigenen Kalender folgen, und ihn den Oberen aufzwingen. So haben wir
es seitdem immer gemacht. Deshalb sind sie an unsere Art auch so
verzweifelt.
Am ersten Januar 1994, es war bereits Tag, und die Kolumnen der EZLN
Kämpfer bewegten sich auf der Autobahn nach Ocosingo. Mehr als 1200
Männer und Frauen des Dritten Regiments der Zapatistischen
Infanterie, mit anderen vom Fünften Regiment, kamen durch diese und
andere Ländereien der Selva Lacandona. Sie nahmen den Wachen der
Finqueros die Waffen ab und benutzten sie um die Bezirkshauptstadt zu
besetzten. Nach mehreren Tagen der Gefechte auf dem Marktplatz von
Ocosingo gegen die Lufttransporttruppen der Bundesarmee, zogen sich
die zapatistischen Truppen zurück.
Danach folgte was folgte, und die meisten von Ihnen wissen es, weil
Sie darin die Hauptrolle spielten.
Alle Fincas in der Region wurden befreit, und nach 1995 wurden ihre
Ländereien von der Landwirtschaftlichen Kommission des Autonomen
Zapatistischen Bezirks in Rebellion (MAREZ) Francisco Gómez neu
verteilt. Ohne irgendeine Erlaubnis einzuholen, rissen die
zapatistische Indigenas den Zaun um die Santa Rita Finca ein, und das
Land wurde unter den Bewohnern von San Miguel und dem Dorf Ach' Lumal
verteilt, das bedeutetet "Neues Land".
Dann trafen sich die Compañeros wieder, und sie rechneten wieder
etwas aus, aber nicht in Hektar sondern in Tode. Im Kampf um
Ocosingo, am 2. Januar 1994, wurde ein Compañero Milizsoldat aus San
Miguel im Gefecht getötet. Sein Nom de Guerre war Juan. In der
Gemeinde Nueva Estrella war ein weiterer Compañero Milizsoldat von
der Bundesarmee während Zedillos Verrat, in Februar 1995 ermordet.
Sein Nom de Guerre war Diego. Die Compañeros dachten, rechneten,
erinnerten sich. Das neue Dorf nahm darauf den Namen "Juan Diego"
an.
Sie nannten sich nicht nach dem Tod, sondern nach dem Kampf.
* * *
(übs. von Dana)
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From: "Dana" <dana.aldea@arcor.de>
Subject: Marcos über Klarheit
Date sent: Fri, 9 Sep 2005 16:31:44 +0200
Marcos über Klarheit
Zapatistische Armee der Nationalen Befreiung
Mexiko
6.-7. September 2005
An alle Unterstützer der Sechsten Erklärung aus dem Lakandonischen
Urwald:
An alle Teilnehmer des Vorbereitungstreffen für Personen in
Vertretung ihrer selbst, ihrer Familien, Straßen, Barrios,
Stadtviertel oder Gemeinden:
Compañeros und Compañeras:
Wie Sie wissen, da ein Teil der Teilnehmer des letzten
Vorbereitungstreffens abreisen mussten, bevor alle Präsentationen der
Beteiligten zu Ende gebracht werden konnten, waren wir nicht in der
Lage unsere Abschiedsworte zu sprechen. Deshalb bringe ich hier
einige der Kommentare ein, die wir für das Ende dieses Treffens
vorbereitet hatten.
Obwohl die Teilnehmer nicht einmal die Hälfte derer repräsentierten,
die sich der Sexta und der "Anderen Kampagne", als Individuen und
Familien angeschlossen haben, könnte man sagen, dass ihre Positionen
für die ihrer Compañeros und Compañeras repräsentativ waren.
Ein Teil davon sind Menschen, die sich als Individuen oder in Gruppen
und Kollektiven die inzwischen verschwunden sind, direkt an
zapatistischen Initiativen beteiligt haben, von Friedenskreisen und
Karawanen bis hin zu Consultas und Märsche, das CND, die Foren,
internationale Encuentros und Projekte in den indigenen Gemeinden.
Diese Compañeras und Compañeros wissen, dass sie immer einen Platz in
den zapatistischen Vorschlägen hatten, und nun nähern sie sich wieder
mit der Gewissheit ihn wiederzufinden. So soll es sein.
Ein weiterer Teil sind jene Personen, zumeist junge Menschen, die
sich erst kürzlich dem Neozapatismus genähert haben, ein wenig
skeptisch und sehr misstrauisch, da ihre Kontakte mit politischen
Organisationen zumeist nicht glücklich verlaufen sind. Sie haben sich
genähert, weil ihre Verwandte oder Freunde mit ihnen über die
Bewegung geredet haben, und sie suchen nach einer Antwort für eine
kleine aber ausschlaggebende Frage: "Gibt es hier ein Platz für
mich?" Diesen Personen antworten wir, dass wir jede Anstrengung
unternehmen werden um zu gewährleisten, dass sie diese Frage bejahen
können.
Unsere Erfahrung hat gezeigt, dass die Personen, die sich auf
individuellen und Familienebene engagieren, im allgemeinen ehrlich,
edel und gewissenhaft sind. Jene, die in politischen Organisationen
aktiv sind, die Aktivisten in sozialen Bewegungen sind und
professionelle Arbeit in Nichtregierungsorganisationen, Gruppen und
Kollektive leisten, haben ihnen was Hingabe und Ernsthaftigkeit
angeht nichts in voraus. Wenn sie auf einer individuellen Basis oder
als Gruppen nur für bestimmte Aufgaben zusammenarbeiten, dann weil
sie auf diese Weise besser Arbeiten, oder weil sie sich innerhalb von
Organisationen gehemmt oder bedrängt fühlen. Wie wir in unsere Worte
zu Beginn sagten, es gibt Personen die in sich selbst ein Kollektiv
sind. Jene, die nun die Sexta und die "Andere Kampagne" als
Individuen oder Familien unterstützen, sind Kollektive in mehr als
nur einen Sinn des Wortes. Als Individuen und individuelle
Kollektive, sind Sie willkommen.
Davon abgesehen, was hier auf diesem Treffen der Fall ist, und auch
bei früheren Treffen der Fall gewesen ist, wenn auch nicht so stark
ausgeprägt, ist die Abwesenheit von Aktivisten politischer Parteien,
insbesondere der PRD. Natürlich haben sie das bei ihrer Ankunft nicht
so angegeben, stattdessen warteten sie ab, und je nachdem ob sie
dachten die Atmosphäre sei günstig, sagten sie es oder blieben still.
Darüber möchte ich folgendes sagen:
Die Sexta ist in dieser Beziehung völlig klar. Jene, die in
registrierte politischen Parteien aktiv sind, das heißt, Parteien,
die auf eine parteistrategische Weise für den Wahlkampf eingetragen
sind, sind nicht aufgerufen. Wir laden sie nicht ein. Wir sind in
keinster Weise daran interessiert mit ihnen zusammenzuarbeiten, und
als Zapatisten der EZLN werden wir es auch nicht tun.
Wir haben erklärt, dass wir die Entscheidungen der politischen,
indigenen, sozialen, Nichtregierungs-, kulturellen, künstlerischen,
individuellen und anderen Organisationen über die kommenden Wahlen
respektieren werden. Und das werden wir auch tun. Aber es ist eine
Sache, wenn sich eine autonome und unabhängige Organisation dafür
entscheidet eine Partei oder einen Kandidaten zu unterstützen, und
etwas völlig anderes, wenn eine dieser Wahlparteien sich direkt an
der Sexta und der "Anderen Kampagne" beteiligt. Lassen Sie
mich Sie daran erinnern, was die Sexta sagt, Wort für Wort: "Wir
laden politische und soziale Organisationen der Linken ein, die nicht
registriert sind, und jene Personen, die sich selbst als Links
betrachten, die keiner registrierten politischen Partei angehören,
sich mit uns zu einer Zeit, an einem Ort und auf eine Weise zu
treffen, die wir noch vorgeschlagen werden .
.. ."
Im Fall der PRD, ich weiß nicht ob sie vom Virus der Tücke angesteckt
waren als sie sich anschlossen, oder was sonst passiert ist, aber
einige ihrer Mitglieder haben die Gutgläubigkeit der Zapatisten und
die Gastfreundlichkeit der rebellischen Gemeinden ausgenutzt. Trotz
der Tatsache, dass wir sie ganz klar nicht eingeladen haben, noch
einladen wollten, kamen sie trotzdem. Und als sie erst einmal
angefangen hatten zu sprechen, sagten sie, sie wären von der PRD (und
seien mittlere oder niedrige Parteibeamte, oder dabei welche zu
werden). Und natürlich konnten wir sie nicht hinauswerfen, schon gar
nicht wenn es regnete und zur Nachtzeit. Und natürlich hatten sie
ihre Fotos und ihre signierten Bücher dabei, und vielleicht denken
sie, sie seien Freunde und Kumpels, aber Sie und wir wissen, dass
dies eine Lüge ist, dass sie durch Tricks an diese gekommen sind.
Da haben Sie's, aber wir sagten ihnen völlig klar, dass wir uns von
ihnen verspotten fühlten, und dass sie nur versuchten ihre
schmutzigen Tricks zu benutzen, um sich aus der Kritik zu winden, die
wir an sie gerichtet haben (und auf die sie immer noch nicht
geantwortet haben), bezüglich deren Angriffe und Verrate. Und sie
sind immer noch zynisch genug zu kommen und uns zu sagen, wir sollen
nicht so sein, dass sie uns einladen in ihre Viertel und Apartments
und Häuser zu kommen. Sie sollten sich ein Beispiel an den Compañero
nehmen, der, obwohl er jede Position in der PRD Führungsspitze haben
konnte, aus der Partei austrat, die Sexta unterstützte und sich der
"Anderen Kampagne" anschloss.
Natürlich sagten wir ihnen, dass wir nicht wollten, dass sie kämen,
dass wir mit niemanden zusammenarbeiten wollten, die von der PRD, der
PRI, der PAN, oder irgendeiner anderen "institutionellen" Partei
kommen. Jetzt gerade wird die "Andere Kampagne" nach den Kriterien
organisiert, die von der Sechsten Erklärung festgesetzt wurden. Etwas
könnte sich vielleicht ändern, wenn alle Beteiligten das so
entscheiden, aber wir sagen ganz klar, dass wir gegen den Eintritt
aller Aktivisten, oder wie auch immer sie sich nennen, irgendeiner
registrierten politischen Partei stimmen werden.
Es ist egal ob sie uns "Spalter" nennen, ob sie uns "Acht Kolumnen"
widmen, oder welche Artikel und Cartoons sie wollen. Wir sehen lieber
nach Spalter aus, als Betrüger und Schufte zu sein. Sicher könnten
sie uns hereinlegen, wie damals als sie sich als Trittbrettfahrer
eingeschlichen haben. Oder sie könnten denken, dass sie uns
hereinlegen, wenn sie die Synonyme sozialer Organisationen
ausnutzend, Dokumente vorlegen, die sie beim Lesen umändern,
damit sie nicht sagen sie seien eine parteieigene Struktur der PRD.
Oder sie schleichen sich bei bilaterale Treffen innerhalb politischer
Organisationen ein, mit denen wir interessiert sind Allianzen zu
schließen.
Ganz egal, wir werden nirgendwo hingehen wohin sie uns einladen. Es
spielt keine Rolle ob sie bessere Autos, oder Dienstleistungen, oder
Büros, oder Auditoriums, oder Fahrzeuge haben, oder dass sie viele
Menschen kontrollieren und viele wichtige Positionen innehaben. Wir
werden nichts mit euch zu tun haben. Wir werden mit jenen zu tun
haben, die von Anfang an ehrlich zu uns sind, und nicht irgendwelche
Betrüger, die sich als etwas ausgeben was sie nicht sind, damit sie
auf beiden Seiten stehen könnten, als ob das möglich wäre.
Ungeachtet wie sie von oben gegen uns losschlagen, Sie wissen, dass
Ihr Fahrzeug einer anderen Seite und einem anderen Pfad folgt. Um das
Bild einer der Projekte ihrer Kandidaten zu benutzen, ihr Expresszug
reist oben, auf einer anderen Seite, und wird sein Ziel schnell
erreichen. Wir werden unten reisen, in einer anderen Richtung, und es
wird eine Weile dauern. Also weshalb die vielen Geschichten? Stehen
sie den nicht hoch in den Wahlumfragen und Vorlieben? Wieso wollen
sie uns dann, wenn sie uns nicht brauchen? Schämen sie sich kein
bisschen, nach allem was sie uns angetan haben, herzukommen, unsere
Gastfreundschaft anzunehmen und mit uns zu essen, mit uns zu sprechen
ohne das, was ihre Partei getan hat auch nur ein einziges Mal zu
erwähnen, ohne verdammt noch mal auch nur einmal "Entschuldigung" zu
sagen? Deshalb sage ich ihnen: kommt nicht, ihr seid nicht
willkommen, und wir werden nicht mit euch gehen, auch wenn ihr uns
einlädt. Schickt alle Briefe, die ihr wollt, aber ihr werdet uns
nicht überzeugen, und schon gar nicht mit dieser Art von Schikane.
Andererseits lese ich, dass ihr dort eure eigene Front "der Linken"
aufbaut, also habt ihr schon einen Platz an den ihr gehen könnt.
Also, genug von diesem Thema.
Allen anderen Personen, die sich selbst, als Familien, Strassen,
Barrios, Gemeinden oder Stadtviertel angeschlossen haben, sage ich,
dass Sie sich an der "Anderen Kampagne" auf diese Weise beteiligen
können, oder sich zu einer Gruppe anschließen können, ganz wie es
ihnen zusagt, auf ihre eigene Art, in ihrer eigenen Zeit und an ihrem
eigenen Ort. So gibt es zum Beispiel Wissenschaftler, Künstler,
Erbauer oder Forscher, die einen gemeinsamen Ort für Treffen bauen
können, oder arbeitslose Jugendliche, oder Frauen, oder Lehrer oder
Studenten in einer Schule (da gibt es eine Gruppe Professoren einer
weiterführenden Schule, die sich gebildet hat um die Sexta zu
diskutieren und sich ihr anzuschließen), und so weiter, ganz wie
jeder für sich entscheidet. Es wird einen Platz für Sie geben.
Und das ist alles. Fahren Sie vorsichtig. Wir sehen Sie am 16.
September, oder später, wenn sie da nicht kommen können.
Zusätzlich dazu, werde ich die Gelegenheit ergreifen folgendes
anzukündigen:
- Der 11. September 2005, ist der letzte Tag um sich der ersten Stufe
der Sexta und der "Anderen Kampagne" anzuschließen. Wie wir bereits
gesagt haben, werden wir unsere erste gemeinsame Erklärung mit all
den Organisationen, Gruppen, Kollektiven und Personen machen, die
sich bis zu diesem Datum angeschlossen haben. Später kann sich jeder
der möchte anschließen, aber nach den Kriterien, Orte und Methoden,
auf die wir uns mit den ersten Unterzeichner geeinigt haben.
- Das nächste Vorbereitungstreffen ist mit den Anderen, die an keinem
der früheren Treffen teilnehmen konnten, oder die es vorgezogen haben
bis zuletzt zu warten. Ankunft ist am Freitag, den 9. September, das
Treffen ist am Samstag, dem 10., und Abfahrt ist am Sonntag, dem 11.
September. Treffort ist das zapatistische Dorf Javier Hernández,
gleich neben Carmen Pataté, wo das Treffen mit dem Indigenen
Organisationen stattgefunden hat. Das Dorf Javier Hernández liegt
etwa anderthalb Stunden von Ocosingo entfernt, an der Autobahn
Richtung San Quintin. Frayba wird sicher Landkarten haben, um alle
zu leiten, die es brauchen, und alle zu verwirren, die darum
ersuchen.
Falls keine Änderungen in letzter Minute oder etwas Unerwartetes
eintritt, wird die erste Vollversammlung der "Anderen Kampagne" am
16. und 17. September stattfinden.
Für das Sechste Komitee der EZLN
Aus den Bergen des mexikanischen Südostes.
Subcomandante Insurgente Marcos
Mexiko, September 2005
P.S. vom 7. September für die Frauengruppe von San Cristóbal, dem
Feministischen Kollektiv Mercedes Olivera, und El Feminario. Während
ich diesen Brief verfasste, lasen wir einen Artikel in der La Jornada
vom 7. September 2005, unterzeichnet von Rosa Rojas. Darin berichtet
sie von dem Nichteinverständnis, den sie frei und unzensiert auf das
Treffen für NGO, Gruppen und Kollektive, am 27. und 28. August
öffentlich vorgebracht haben. Dazu haben wir folgendes zu sagen:
Unsere politisch-militärische Struktur hat in den vergangenen Jahren,
Ihnen (und nicht nur Ihnen) gegenüber, eine ganze Reihe willkürlicher
und ungerechter Handlungen verübt. Diese fanden nicht nur in der
Region statt, in der Sie arbeiten, sondern praktisch in allen
Regionen. Deshalb bitten wir (Sie und alle, die wir verletzt haben)
öffentlich um Verzeihung, in der Hoffnung, dass sie edel genug sein
werden uns zu vergeben. Wir glauben jedoch, dass es für diese Art von
Fehler (und andere), die wir während unserer Geschichte als
Organisation gemacht haben, nicht genug ist sich zu entschuldigen
(noch sind die Sanktionen ausreichend, die damals gegen die Anführer
verhängt wurden, die für diese autoritäre Handlungen verantwortlich
waren). Deshalb begannen wir in 2001 ein Prozess der internen
Restrukturierung, mit dem Ziel das politisch-militärische Apparat auf
eine fokussierte und irreversible Weise, von den zivilen Strukturen
der indigenen Gemeinden zu trennen. Auf diese Weise erkannten wir an,
dass die Präsenz unserer politisch-militärischen Kommandanten für die
Entwicklung des Widerstandes nicht immer förderlich war, und wir
nicht selten dazu neigten, Probleme mit militärischen Kriterien zu
lösen, die besser mit politischen Kriterien gelöst worden wären.
Deshalb (und aus anderen Gründen) wurden die Caracoles und die Juntas
der Guten Regierung gegründet, und deshalb treffen die Compañeros und
Compañeras zivile Autoritäten jetzt ihre Entscheidungen, unabhängig
von und ohne Rücksprache mit irgendeinen militärischen Kommandanten.
Alle Arbeiten in den Gemeinden, einschließlich der sehr lobenswerten
Arbeit zur Förderung der Frauenrechte, wird nun - und seit zwei
Jahren - direkt mit den Juntas der Guten Regierung und den
Gemeindeautoritäten betrieben. Wir sind nicht länger, auf irgendeine
Weise darin involviert. Sie (und viele wie Sie), werden in uns nicht
länger eine Behinderung Ihrer Arbeit finden. Sie werden nur noch die
Zustimmung und den Segen der Dorfgemeinden selbst verdienen müssen.
Der Grund weshalb wie Sie um ein bilaterales Treffen baten, war um
dies zu klären und andere Fragen, die nicht länger nötig sind. Wir
verstehen, durch Ihre öffentliche Präsentation und nun durch den
Zeitungsartikel, dass Sie eine öffentliche Erklärung/Entschuldigung
fordern, die wir hiermit vorlegen. Wir hoffen aufrichtig, dass die
Fehler, die wir verübt haben und öffentlich anerkennen,
sie auf keiner Weise von Ihrer Arbeit für die Verteidigung und
Förderung der Rechte der indigenen und nicht-indigenen Frauen
abhalten, und dass Sie in Ihre Herzen die Güte finden werden uns
unsere vergangenen Stupiditäten zu verzeihen (natürlich mit der
Voraussetzung, dass wir uns verpflichten diese nicht zu wiederholen).
Vale. Salud und Edelmut.
El Sup
* * *
(übs. von Dana)
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