Eine Andere Theorie?



[Beitrag von Subcomandante Marcos beim Treffen mit Intellektuellen

21.3.2006 Universität Guadalajara, Jalisco]





Es ist schon eine Weile her, als die Morgendämmerung von Guadalajara Elías

Contreras, Untersuchungskommission der EZLN, auf einer Parkbank sitzend

vorfand, gegenüber der Kathedrale, welche der Stadt Guadalajara ihre

doppelte Macht, die symbolische und die wirkliche, aufdrängt. Elías

Contreras war in diese Stadt gekommen, um sich mit dem Ruso(1) an dessen

Torta(2)-Stand zu treffen und dann mit dem Chinesen Feng Chu in den

öffentlichen Bädern der Mutualista, während er gerade dabei war, jenen

unbekannten Fall zu lösen, in dem es um das Schlechte und den Schlechten ging(3).


Wer es nicht weiß, Elías Contreras war ein Compañero der Unterstützungsbasis

der EZLN, ein Kriegsveteran, der die Generalkommandantur der EZLN bei

Tätigkeiten unterstützte, die Ihr "Detektivarbeit" nennt und die wir als

"Untersuchungskommission" bezeichnen.


Aber noch vor den einzigartigen belegten Baguettes des Ruso und der

Genügsamkeit des Chino hatte sich Elías Contreras in einen der Parks im

Zentrum von Guadalajara gesetzt und Notizen in sein Büchlein gekritzelt,

Zeichnungen, einzelne Sätze, ganze Paragraphen und undeutliche Linien,

während er darauf wartete, dass die Sonne ihr Licht auf die Ostwand der

Kathedrale malen würde.


Ich hatte keine Ahnung von der Existenz dieser Art Logbuch oder

Kampagnentagebuch, in dem Elías Contreras paradoxerweise nichts festhielt,

was direkt mit der Begebenheit zu tun hatte, als plötzlich die Liebe, diese

andere Liebe, in sein Leben trat, auf die Art, wie die Liebe nun mal kommt,

nämlich wo man sie am wenigsten erwartet; und in seinem Fall begleitet von

der Ungewissheit und der Angst, die normalerweise die Begegnung mit etwas

Anderem mit sich bringen. Die Liebe, die ihm dahin geriet, wo man immer

befürchtet, dass sie hingeht: auf den unwiderruflichen Weg zum Tod. Denn,

vielleicht erinnert sich jemand daran, La Magdalena fiel im Kampf von

unserer Seite, der zapatistischen, gegen das Schlechte und den Schlechten.

Und sie war in zweierlei Hinsicht unsere Compañera: einmal weil sie sich

dafür entschied, Frau zu sein, und zum anderen weil sie entschied, es mit

uns zu sein. Aber das ist eine andere Geschichte, die wir vielleicht

anderswo finden.


Elías Contreras sagte nie, dass er sich in La Magdalena verliebt hatte, den

oder die Transvestitin, die ihm auf den Straßen von Mexiko Stadt das Leben

rettete und ihn während der Verfolgung durch den gewissen Morales

begleitete. Niemals gab es er offen preis, das mag sein, aber jemand, der

lernt, Worte, Schweigen, Gesten und Verhaltensweisen zu verstehen, kann auch

Geheimnisse herausfinden, deren Existenz sonst nicht zu erahnen ist. Und

Elías Contreras von der Untersuchungskommission der EZLN, sprach von La

Magdalena, indem er über sie schwieg, als könnten Worte sie verletzen. Ich

glaube, und das fällt mir jetzt gerade ein, dass die Gefühle, die Elías

Contreras für La Magdalena hegte, nicht in der gleichen Weise erwidert

wurden und dass ihn das in gewisser Weise von dem Wirrwarr befreite, welches

dieses Gefühl in ihm erzeugte.

Aber von der heimlichen Liebe des jetzt verstorbenen Elías Contreras zu La

Magdalena und davon, was in seinem Notizbuch stand, erzähle ich Euch

vielleicht ein andermal. Oder vielleicht erzähle ich es Euch nie, denn es

gibt Menschen, die nicht nur das schwere Manifest ihres Todes hinterlassen;

sie hinterlassen uns auch Geheimnisse ihres Lebens.


Jetzt möchte ich Euch von einigen Ausschnitten aus dem Heft, das Elías

Contreras bei sich trug, erzählen. Nicht selten überraschte uns die

Morgendämmerung, wenn wir vor dem Feuer seiner Küche standen und, wenn die

Stille des Einen und des Anderen sich ausreichend gedehnt hatten, Elías aus

seiner Tasche das abgegriffene Notizbüchlein zog und es mir ohne einen Blick

wortlos reichte.

Ich blickte darauf wie ein ungeschickter Eindringling. Ein kurzer Blick

genügte, um zu bemerken, dass nur der Autor selbst in der Lage sein konnte,

das zu entziffern, was da geschrieben und gezeichnet war. Wie bei einem

Rätsel, dessen ganzer Umfang allen verborgen bleibt außer demjenigen, der

die Teile ersonnen hat.


Manchmal las ich laut einen Satz vor und er, Elías Contreras, begann die

Teile zusammenzusetzen. Als ob er zu sich selbst spräche, erzählte er eine

Anekdote oder ein Gespräch.


Es gab da zum Beispiel jene einfache und kurz zusammengefasste Ethik des

Kriegers, die Elías Contreras in fast unleserlichen Stücken irgendwo

abgeschrieben haben muss:


1. Der Krieger muss sich immer in den Dienst einer edlen Sache stellen.


2. Der Krieger muss immer bereit sein, Dinge zu lernen und anzuwenden.


3. Der Krieger muss seine Vorfahren respektieren und deren Erinnerung

pflegen.


4. Der Krieger muss zum Guten der Menschheit existieren, dafür lebt er,

dafür stirbt er.


5. Der Krieger muss die Wissenschaften und die Kunst pflegen und damit auch

Hüter seines Volkes sein.


6. Der Krieger muss sich den großen und den kleinen Dingen gleichermaßen

widmen.


7. Der Krieger muss nach vorn schauen, sich das Ganze bereits komplett und

fertig vorstellen.



Nicht an einem Morgen war es, sondern an einem Nachmittag, als die Sonne von

Wolke zu Wolke sprang, um sich dann hinter den Bergen zu verstecken, und ich

mit dem Notizbuch in den Händen Elías Contreras die folgenden Sätze, die er

selbst geschrieben hatte, vorlas:


"Widerstand bedeutet, das Schicksal aufzuhalten, das der von oben erzwingt,

der richtige Zeitpunkt und die notwendige Anstrengung und jenes Unheil sowie

der, der es uns verschafft, werden zerstört."


Als er das hörte, sagte Elías Contreras "Guadalajara, der Ruso und der

Chino(4)", und erzählte mir, dass er diesen Gedanken an jenem Morgen

aufschrieb, als er im Zentrum der so genannten Perle des Westens wartete.


Es folgte ein weiterer Satz. Ich las ihn vor:


"Den großen Köpfen, die sich dem Geld verkaufen, mangelt es an Intelligenz,

ebenso wie an Mut, Scham und guter Manier. Wie die Städter(5) sagen, sie

sind mittelmäßig, feige, dumm und verzogen."

Da oben, sagte mir Elías Contreras und blickte dabei grollend zu Boden, wird

nicht nur eine Religion erfunden, wo der Mensch nach dem beurteilt wird, was

er hat, und nicht danach, wer er ist. Auch einige ihrer Priester schreiben

und predigen die Doktrin des Mächtigen bei denen von oben und bei denen von

unten. Sie sind wie Priester, aber auch wie Polizisten und Bewacher, die

aufpassen, dass wir uns gut benehmen, also dass wir die Ausbeutung

akzeptieren und zahm bleiben, und mit dem Kopf "ja" oder "nein" sagen, je

nach Anordnung. Der Mächtige legt dich auch mit dem Denken rein. Und diese

Priester des Denkens derer von oben sind die großen Köpfe, die sich dem Geld

verkaufen.


- Ebenjene - sagte Elías Conteras, Untersuchungskommission der EZLN, auf

einem Baumstumpf sitzend und nach Westen blickend, und wiederholte für mich

das Gespräch, das hier in Guadalajara stattgefunden hatte, als er die beiden

verfolgte, das Schlechte und den Schlechten, bei dieser immer noch

unerfüllten Aufgabe von uns, den so genannten Neozapatistas.

Von diesem Gespräch, das mir Elías Contreras auf Tzeltal erzählte und in dem

aus diesem Grund Wörter vorkommen, für die es in den Wörterbüchern der

dominanten und dominierenden Sprachen keine Entsprechungen gibt, machte ich

die folgenden Notizen:


Die Intellektuellen von oben


Wenn Polizei und Armeen die Kommissare des guten Verhaltens des Bürgers

angesichts der Verwüstung, der Ausbeutung und des Rassismus sind, wer achtet

dann auf das gute Verhalten in der intellektuellen Reflektion in der

theoretischen Analyse?

Wenn das Rechtssystem die gewalttätige Aufbürdung des Kapitals, das es als

"rational und menschlich" verkleidet, Richter, Aufseher, Polizisten und

Gefängnisse hat, was sind dann die Äquivalente in der Kultur Mexikos, in der

Forschung und in der Akademie, in der theoretischen Produktion, der Analyse

und der Diskussion von Ideen?


Antwort: die Intellektuellen von oben bestimmen, was Wissenschaft ist und

was nicht, was ernst zu nehmen ist und was nicht, was eine Diskussion ist

und was nicht, was richtig ist und was falsch; zusammengefasst, was

intelligent ist und was nicht.


Der Kapitalismus rekrutiert nicht nur seine Intellektuellen in der Akademie

und in der Kultur, sondern "erschafft" auch deren Resonanzkörper und teilt

ihnen ihre Gebiete zu. Aber sie alle haben eine gemeinsame Basis:

Humanismus vorzutäuschen, wo es nur Gewinnsucht gibt, das Kapital als Synthese

des historischen Daseins zu präsentieren und die Bequemlichkeit der Beihilfe

durch Stipendien, Werbung und privilegiertes Gespräch anzubieten. Es gibt

keinen deutlichen Unterschied zwischen einem Selbsthilfebuch und den

Zeitschriften Letras Libres, Nexos, ¿Quién? und TV y Novelas(6). Weder in

der Redaktion noch im Preis noch in den Regalen, in denen sie in den

Sanborns-Geschäften von Carlos Slim Helú gemeinsam ausliegen. Wenn es

überhaupt einen Unterschied gibt, dann den, dass die beiden letzteren mehr

verkauft und gelesen werden. Und im Inhalt? Alle bieten den unmöglichen

Spiegel, dass die oben die oben sind.


Die Intellektuellen der Mitte


Ebenso wie in der unmöglichen Mitte der unmöglichen Geometrie der Macht gibt

es in den zerbrechlichen Glastürmen der "Neutralität" und der "Objektivität"

diejenigen Intellektuellen, die diskrete oder unverhüllte Koketterien an das

System abgeben, ganz unabhängig davon, welcher Couleur derjenige ist, der

die politische Macht unrechtmäßig ausübt.

Mit Blick nach oben antworten diese Intellektuellen die explizite oder

implizite Frage, um die sich ihre Aufgabe dreht: "Von wo?" Und mit dieser

Frage sind weitere Fragen verknüpft: "Warum?", "Mit wem?", "Gegen wen?"

Aus dem Vorzimmer der Macht, wo sie sich dienstbeflissen zeigen im Hof des

Mandarin der auf jeweils sechs Jahre angelegten Mode, sind diese

Intellektuellen nicht in der Mitte, sondern auf dem Weg nach oben. Sie

bieten sich mit dem Werkzeug der Analyse und der theoretischen Debatte auf

den Gehsteigen der politischen und ökonomischen Macht an, mit einem Schild,

auf dem steht: "Ich biete an: Diskurse, Rechtfertigung von

Regierungsprogrammen, Unternehmensberatung, Werbung nach Geschmack,

Verschönerung von Aktionärs- und Kabinettsfesten und -versammlungen".

Zusammen mit diesen Intellektuellen stehen auch jene, die, langsam oder

schnell, ihren Prinzipien abschworen, nachgaben und jetzt verzweifelt ein

Alibi suchen, welches sie vor dem Spiegel bewahrt. Das sind die bedachten,

reifen und besonnenen Intellektuellen, die die Waffen der Kritik

niedergelegt haben mit den Streicheleinheiten derer, die ihre rechte Aufgabe

links verkleiden.

Jedoch bleibt die unehrliche Position dieser systemtreuen Intellektuellen

verblüffend. Das armselige Alibi der langsamen, rationalen und

verantwortungsvollen Veränderung schafft es nicht, die Höhle der Diebe zu

heiligen, die die selbsternannte Wahl-Linke darstellt. Sie kleiden sich mit

der zerbrechlichen Vergänglichkeit der Medien der Kommunikation und

verkleiden damit nicht nur ihre Inkonsequenzen, sondern schwören auch

jeglicher Ausübung der kritischen Analyse der politischen Klasse ab.

Bedrängt von den Gespenstern, die ihre Bedachtheit erschuf, ratifizieren sie

eine tiefe Verachtung der Intelligenz.

Und es gibt welche, die sich zur radikalen Linken und sogar zu den

Zapatistas zählen (sicherlich auf die gleiche Weise, wie sich Guajardo(7)

als Zapatist bezeichnete). Von ihrer bequemen Position an der Akademie aus

erklären sie sich zu den neuen Richtern, den Neokommissaren des guten

Verhaltens in der Debatte darüber, was der unwiderstehliche Aufstieg des

AMLO(8) in der demokratischen Moderne wirklich bedeutet, das heißt in den

Umfragen.

Das sind diejenigen, die sagen, dass jegliche Kritik an der politischen

Klasse eine Aufforderung zur Stimmenthaltung ist und mit thomistischer Logik

daraus die Konsequenz ziehen, dass damit die Rechte gestärkt würde.

Diejenigen, die die nationale Realität selektieren und editieren, um das

Unpräsentierbare zu präsentieren. Diejenigen, die schweigen angesichts der

Behandlung, die der PRD-treue Gemeinderatspräsident von Tulancingo, Hidalgo,

den Indígenas und den alten Menschen zukommen lässt; angesichts des

frenetischen Sprungs der PAN und der PRI in die offenen Arme der PRD an

jedem beliebigen Punkt unserer Landkarte; angesichts der Vetternwirtschaft

des PRD-Gemeinderates in Tabasco; angesichts des Verkaufs seiner

Abgabenfreiheit an den Caciquen(9) im Austausch für jeden beliebigen

Bundesstaat; angesichts der Zustimmung zu Gesetzen zur neoliberalen

Zerstörung aus den Reihen der aztekischen Sonne(10); angesichts der

verdächtigen Übereinstimmung von Vor- und Zunamen in den Kandidatenlisten

der PRD und den vorangegangenen der PRI und der PAN.

Es sind die gleichen, die wollen, dass wir den Mühlstein schlucken, dass das

makroökonomische Projekt erhalten bleiben muss, während gleichzeitig die

Makroökonomie verändert wird.

Es sind die gleichen, die die illustrierte Resignation frei Haus liefern:

das weniger Schlechte ist die einzige Möglichkeit ... die einzige bequeme.

Es sind die gleichen, die ohne Magerverstimmung zu bekommen behaupten, dass

die Regierung die Andere Kampagne schützt, damit sie López Obrador angreifen

kann, während zur gleichen Zeit diverse Polizisten die Mitglieder der

Karawane und ihre Koordinatoren auf bundesstaatlicher, regionaler und

lokaler Ebene fotografieren, überwachen und bedrohen. Die gleichen, die für

ihre Leser eine abgrundtiefe Abscheu empfinden und die ohne jegliches

Schamgefühl am einen Tag Rosario Robles zur Heldin küren und sie am nächsten

nicht einmal mehr kennen.

Es sind die gleichen, die die Studenten des CGH(11) diskreditierten, welche

1999-2000 mit ihrer Bewegung entgegen aller Widerstände erreichten, dass die

UNAM als öffentliche und gebührenfreie Universität erhalten blieb; die

gleichen, die der Repression der globalisierungskritischen Jugendlichen an

jenem schändlichen 28. Mai 2004 im Kalender von Jalisco still applaudierten.

Es sind die gleichen, die genüsslich beim Gedanken an die zweiten Stockwerke

seufzen, an den Hochgeschwindigkeitszug, der von Mexiko Stadt bis zur

US-Grenze fahren soll, an das regionale Entwicklungsprojekt "Corredor

Transístmico", an die Ko-Investitionen bei der staatlichen Erdölgesellschaft

Pemex und der Stromversorgungsindustrie, an den Aufstieg des mexikanischen

Baseballs in höhere Ligen, die Konzerte auf dem Zócalo in Mexiko Stadt, das

Privileg der Unterredung mit den Behörden.

Ah! Endlich eine niveauvolle Szenerie, also auf der zweiten Etage, um nicht

die von unten zu sehen, die ProvokateurInnen, die Überdrehten, die mit den

Ringen, den hochstehenden Haaren, die UnruhestifterInnen, die Ungebildeten,

die Verdammten, die von unten - oder um so zu tun, als sähe man sie nicht.

Wen interessiert es, dass es in der Politik von oben die gleichen sind und

dass es das gleiche "makroökonomische" Programm von zuvor ist? Wer bemerkt

schon solche Kleinigkeiten? Wen kümmert es, dass dieses Programm die

Fortsetzung und Zuspitzung der Zerstörung Mexikos darstellt?

Es sind die gleichen, die das Unglück anbieten, sich nicht mit dem

abzufinden, was da ist, mein Freund, man sollte auch nicht zu viel

verlangen, mein Freund, denn ob Madrazo oder Calderón, ob PRI oder PAN, mal

sehen, was die anderen Länder dazu meinen. Die, die bei uns investieren

können, mein Freund, denn die, die haben es schon verstanden, jetzt müssen

es nur noch die von unten verstehen, das heißt sie müssen gehorchen. Aber

die guten Beziehungen sind da, mein Freund, das ist unsers, mein Freund.

Jetzt haben wir's geschafft. Ein Beratungsposten, Reisen, Essen, mit den

ganz Großen auf du und du.

Es sind die, die ihre löchrigen Wassereimer tragen, um das in Guanajuato

geschriebene Versprechen zu konfrontieren: "es gilt noch viele Kornmärkte

anzuzünden". Es sind die mit der dünnen Haut, die angesichts der kleinsten

kritischen Andeutung aufreißt und die sich die Lunge aus dem Hals schreien,

um andere in Schubladen zu stecken: "Intolerante", "Stalinisten", "Ultras",

"geistig Umnachtete", "Zurückgebliebene".

Die Intellektuellen der Mitte ... wo die Andere Kampagne sagt: "Aufwachen!",

sagen, seufzen, bitten flehen diese Intellektuellen: "Schlaft weiter!"


Die anderen Intellektuellen


Von unten und von links baut sich eine Bewegung selbst auf, die Andere, und

sie schafft auch neue Wirklichkeiten. Wir Neozapatistas glauben, dass diese

neuen Wirklichkeiten, die bereits entstehen, und die weiter entstehen

werden, eine andere theoretische Reflektion verlangen, eine andere

Diskussion der Ideen.

Das erfordert von den anderen Intellektuellen erstens die Bescheidenheit zu

erkennen, dass sie sich vor etwas Neuem befinden; und zweitens, mitzumachen,

die Andere zu ihrer Kampagne zu machen und sich darin kennen zu lernen und

den Indígena, den Arbeiter, den Bauern, den Jugendlichen, die Frau, das

Kind, den alten Menschen, den Lehrer, den Studenten, den Angestellten, den

Homosexuellen, die Lesbierin, den Transsexuellen, die Sexarbeiterin und den

Sexarbeiter, den Straßenhändler, den Kleinhändler, den Christen der Basis,

den Straßenarbeiter, den anderen, die andere kennen zu lernen.

Wir denken, dass sie direkt an den Versammlungen der Anhänger der Anderen

Kampagne in ihren Bundesstaaten teilnehmen sollten und außerdem hören

sollten, was alle AnhängerInnen im ganzen Land sagen. Dank der alternativen

Medien, der anderen Medien, ist es möglich, diese wunderbare Lektion

zeitgenössischer Geschichte unseres Landes aus der Nähe zu verfolgen. Mit

ihren Mitteln und auf ihre Art werden die anderen Intellektuellen sicherlich

Analysen und theoretische Debatten hervorbringen, die die Welt staunen

machen werden.


Als Zapatistas denken wir, dass die Andere Kampagne mit Stolz sagen kann,

dass sie die besten Intellektuellen dieses Landes verdient, die Teil von ihr

sind; nun sollen sie, mit ihrer eigenen Aufgabe, sagen, ob sie die Andere

Kampagne wert sind.


Das fehlende Wort


In dem alten und abgegriffenen Notizbuch von Elías Contreras,

Untersuchungskommission der EZLN, gibt es ein loses Blatt, sorgfältig

gefaltet, auf dem steht:


Es gibt Steine, die noch immer schweigen. Wenn sie die Geheimnisse erzählen,

die sie bewahren, dann wird nichts mehr sein, wie es einmal war, aber, und

das ist sicher, es wird für alle besser sein. Das Sein wird zählen und nicht

das Haben. Eine andere Hand wird die Fahne hochhalten und die Erde wird so

riechen, sich anhören, schmecken und sich anfühlen, wie es sein muss: das

würdige Zuhause derer, die sie bearbeiten.

Noch eine Kerze für den Schatten Morgendämmerung. Oben ist der Mond weiter

dabei, sich das ausgebleichte blaue Licht auszuziehen, das ihn kleidet.

Die Dunkelheit vergibt ihm die Narben und bietet ihm großzügig einen anderen

Schleier für seine Unkeuschheit an. Unten kauert sich der Schatten in den

letzten Winkel seiner Schlaflosigkeit.

Das was sich da erhebt, ist es ein Wind, oder ist es eine Brücke, die weit

entfernt das andere Ufer sucht, um sich danach auszustrecken?


Ein Seufzer vielleicht.


Und wieder der Halbschlaf und seine Illusionen: eine ersehnte und verwirrte

Luftschlange auf einem fernen Hals, die Sehnsucht, die sich im Unterleib

erhebt und versteckt, der leichte Hauch des Schattens im Ohr der Nacht, der

Wunsch, der das braune Licht des Halbdunkels kleidet, ein langer und

feuchter Kuss auf den anderen Lippen, die Hand, die einen Brief schreibt,

der sein Ziel nie erreichen wird:

Ich gäbe alles, um mich zwischen ihren Beinen zu verwickeln, uns zu

benetzen, mich im gespaltenen Mond ihrer Hüften zu erschöpfen. Ich gäbe

alles dafür, außer das aufzugeben, was meine Pflicht ist zu tun.

Es wird hell.

Die Sonne beginnt, den Häusern und Gebäuden zu helfen, sich langsam nach

Westen zu neigen.


Das andere Jalisco schleift das Wort und stimmt das Gehör ein.


Draußen fragen sie:


"Fertig?"


Drinnen faltet der Schatten sorgfältig die Sehnsucht zusammen, steckt sie in

die linke Hemdtasche, direkt ans Herz, und antwortet:


"Immer".


Aus dem anderen Guadalajara.


Subcomandante Insurgente Marcos.


México, März 2006.


LA JORNADA 25.3.2006


http://www.jornada.unam.mx/2006/03/25/017a1pol.php


1 el Ruso - der Russe (Anm. d. Übers.)


2 eine Art belegte Baguettes (Anm. d. Übers.)


3 el Mal y el Malo - das Schlechte und der Schlechte, auch: das Böse und der

Böse, hier als Eigennamen personifiziert (Anm. der Übers.)


4 el Chino: der Chinese (Anm. d. Übers.)


5 ciudadanos: Städter, auch: Bürger (Anm. d. Übers.)


6 Bei ersteren handelt es sich um intellektuelle Zeitschriften, bei der

letzteren um ein Fernsehmagazin (Anm. d. Übers.)


7 Guajardo, Jesús: Kavallerieoffizier in Morelos zu Zeiten der Mexikanischen

Revolution; maßgeblich am Komplott gegen Emiliano Zapata beteiligt;

befehligte jene Carrancistas, die Zapata ermordeten (Anm. d. Übers.)


8 AMLO: Andrés Manuel Lópes Obrador, Bürgermeister von Mexiko Stadt und

Präsidentschaftskandidat der PRD (Anm. d. Übers.)


9 Caciques: einflussreiche politische Interessenvertreter (Anm. d. Übers.)


10 aztekische Sonne: Symbol der PRD (Anm. d. Übers.)


11 CGH: Consejo General de Huelga - Allgemeiner Streikrat der Studenten der

UNAM (Anm. d. Übers.)


***

Übersetzung: Katja