Freundliche Worte für die Unternehmer


Linker Hoffnungsträger für mexikanische Präsidentschaft präsentiert

sich offen nach allen Seiten.

Wahlkampfstart müde - aber trotzdem mit Überraschungen

Von Gerold Schmidt (npl), Mexiko-Stadt


Der traditonell lange mexikanische Vorwahlkampf für die

Präsidentschaftswahlen fordert seinen Tribut. Im vergangenen Jahr

garantierten die parteinternen Ausscheidungsverfahren eine gewisse

Grundspannung. Und vor allem der gescheiterte Versuch, Mexiko-Stadts

damaligen Bürgermeister, den aussichtsreichen, linksmoderaten

Kandidaten Andrés Manuel López Obrador mit juristischen Tricks

auszubremsen. Seit offiziellem Wahlkampfbeginn vor nunmehr einem

Monat - genauer: dem 18. Januar - herrscht eher Langeweile. Keiner

der drei Anwärter mit realistischen Chancen auf den Präsidentenstuhl

hat seine Zuhörerschaft bisher von den Stühlen gerissen. Und über die

beiden übrigen Möchtegern-Präsidenten von zwei Parteineugründungen

verlautete soviel wie nichts.

Andrés Manuel López Obrador (PRD), Felipe Calderón Hinojosa von der

konservativen Regierungspartei PAN oder Roberto Madrazo von der bis

2000 über sieben Jahrzehnte Mexiko ununterbrochenen regierenden PRI

(Partei der institutionalisierten Revolution) - einer wird im am 2.

Juli 2006 das Rennen machen. Die Überraschung dabei: Nicht Madrazo

und die PRI mit ihrem harten Kern an Stammwählerschaft scheinen die

wesentliche Herausforderung für den kurz AMLO genannten Kandidaten

der PRD zu sein. PAN-Kandidat Calderón, zuvor siegreicher Outsider in

der Ausscheidung seiner Partei, hat Madrazo in allen Umfragen

überflügelt. Inzwischen wird sogar darüber spekuliert, die PRI könnte


ihrem eigenen Kandidaten noch im März den Ast absägen, falls dessen

Kampagne nicht an Schwung gewinne.

Madrazo hat sich offensichtlich verkalkuliert. Im Umgang mit

Konkurrenten in den eigenen Reihen skrupellos, versucht er, sich den

Wählern als Kämpfer für Transparenz und gegen Korruption zu

präsentieren. Gleichzeitig stellte er sich noch in der vergangenen

Woche hinter den PRI-Gouverneur des Bundesstaates Puebla, der

geheimen Telefonmitschnitten nach offenbar bereitwillig einem

Unternehmerfreund beim Vorgehen gegen eine mißliebige Journalistin

zur Seite stand. So naiv Wähler manchmal sein mögen, von Madrazo

möchten sich anscheinend immer weniger für dumm verkaufen lassen.

Auch die beiden wichtigsten mexikanischen Medienkonzerne haben ihre

Wahl getroffen. Televisa setzt auf Calderón und TV Azteca überließ

AMLO bis zu den Wahlen eine eigene tägliche, halbstündige

Fernsehsendung zum Spottpreis. Sowohl Calderón als auch AMLO scheint

beim erwartet knappen Wahlergebnis jede Stimmenhilfe willkommen,

selbst wenn der Helfer nicht gerade den besten Leumund hat. Und

während der PAN-Kandidat bemüht ist, frühere besonders klerikal-

konservative Äußerungen beispielsweise zur Abtreibung zu

relativieren, findet der von seinen rechten Gegnern als linker

Populist angeschwärzte AMLO viele freundliche Worte für das

Unternehmertum und schwärmt von Megaprojekten - für die

Privatwirtschaft eine lukrative Perspektive.