Rundbrief Jahresbeginn 2006 aus Chiapas, Mexiko


Liebe Freundinnen und Freunde


Ich wünsche Euch von ganzem Herzen ein fröhliches gesundes und

friedliches neues Jahr.

Hier in Chiapas hat dieses Jahr mal wieder mit einem spannenden

historischen Ereignis begonnen. Das Jahr 1994 begann mit einer

Überraschung. Dem bewaffneten Aufstand der Mayavölker Mexikos, die

sich in der EZLN, der Zapatistischen Armee Nationaler Befreiung

organisiert hatten. Das Jahr 2006 begann wieder mit einer Initiative

der EZLN. Diesmal aber mit langer Ankündigung und ohne Waffen. Ihre

Ziele haben sich nicht geändert. Aber der Weg des Kampfes hat sich in

diesen 12 Jahren weiterentwickelt, ohne Waffengewalt und gemeinsam

mit Männern und Frauen der mexikanischen und internationalen

organisierten Zivilgesellschaft.


Zum Jahresbeginn erwarteten wir mit Spannung den Delegierten 0, den

Subcomandante Marcos, Sprecher und militärischer Führer der EZLN. Mit

ihm etwas 20 000, Männer, Frauen und Kinder aus den indigenen

Dörfern, ohne Waffen, mit verdeckten Gesichtern. Etwa die Hälfte

waren Frauen, viele von ihnen mit Babys. Eine der Forderungen des

revolutionären Frauengesetzes ist, das gleiche Recht am Kampf

beteiligt zu sein wie die Männer. Traditionell haben Frauen ihr Dorf

nicht zu verlassen, müssen Kinder, Tiere und Mann versorgen. Abends

auf der plaza catedral sprachen mehrere KommandantInnen der EZLN,

auch hier Frauen und Männer.


Heute am 2. Januar begann dann ganz offiziell die “otra campaña”, die

andere Kampagne. Der Delegierte 0 wird maskiert und unbewaffnet 6

Monate durch Mexiko reisen um sich überall mit Menschen zu treffen,

die an dieser “otra” beteiligt sind. Es soll eine Kampagne sein von

unten links. Die Linken Mexikos von unten organisieren, ohne

politische Parteien. Diese “otra” soll Alternativen entwickeln um die

Verfassung zu ändern zum Vorteil der Armen, gemeinsam mit den Armen.

Die “otra” im Gegensatz und paralel zum offiziellen Wahlkampf der

politischen Parteien. Heute gab es ein Treffen bei dem jeder und jede

das Microfon nehmen konnte und sprechen. Es haben Frauen und Männer

gesprochen. Besonders viele Frauen (auch einige Männer) haben betont

wie wichtig es sei konsequent zu sein und nicht nur gross zu reden,

auch im familiären Umgang. Einige übten Kritik an den Zapatistas,

wenn diese sich undemokratisch verhalten hatten. Vor allem aber wurde

viel Hoffnung ausgesprochen und gegenseitige Ermutigung die

Veränderungen von unten links zu erarbeiten. Schon die

Vorweihnachtszeit war geprägt von vielen Versammlungen um

Veranstaltungen der “otra” zu organisieren.



Trotzdem fand ich die Zeit mit dem Fahrrad ein paar Tage aufs Land zu

fahren. Ich habe immer das Gefühl hier in den indigenen Dörfern, da

ist das echte Leben. Das Feuer, das Wasser, der Mais und alles was

Mutter Erde wachsen lässt hat hier wirklich Bedeutung. Die Kälte der

Nacht genau wie die Wärme in den Herzen. Kinder die lachen und

weinen, einander umarmen, ohne Spielzeug, einfach miteinander. Die

Henne mit den Küken, genau wie die Sau mit Ferkeln, irgendwie lebt

alles und ist vergänglich. Am 22. fuhr ich nach Acteal, wo der 8.

Jahrestag des Massakers begangen wurde. Jedes Jahr gibt es eine

grosse Gedenkfeier mit stundenlanger Messe und Reden. Im Keller der

neu gebauten Kirche sind die Toten begraben. Ich frage mich, war es

ihnen bewusst wie gefährlich es war für den Frieden zu beten, waren

sie bereit ihr Leben zu geben. Klar ist schon, das diese Toten

auferstanden sind in den Herzen vieler Frauen und Männer.


Ich besuchte noch einige weitere Dörfer, hörte mir die neuesten

Geschichten und Gerüchte aus verschiedenen Perspektiven an.

Ausserdem sollte mein neues Fahrrad lernen sich in den Bergen zu

bewegen. Eine Bremse brach kaputt, aber ich fand zum Glück eine

Werkstatt und neue Bremsklötze. In diesen Bergen sind die Bremsen

sehr wichtig. Es geht nur steil bergauf, bergab und um die Kurven.

Ehrlich gesagt wünsche ich mir oft, die Berge seien etwas flacher.

Ich traf eine Frau mit Brennholz beladen und dachte, “ja die Berge

sind anstrengend für uns beide, der Unterschied, ich bin freiwillig

unterwegs, aber sie muss das Holz den Berg hoch schleppen um für ihre

Familie zu kochen.”


Die nächsten Tage werde ich hier in San Cristobal verbringen. Meine

Kollegin begleitet den Konvoy der Zapatistas gemeinsam mit dem

Menschenrechtszentrum um die Menschenrechtssituation im Umfeld der

otra” zu dokumentieren, oder auch Gewalt vorzubeugen. Die anderen

haben Urlaub, was eher das normale ist in dieser Jahreszeit.

Aber auch hier wirds nicht langweilig. Die administrative Arbeit wird

meist verdrängt durch BesucherInnen, Delegationen, JournalistInnen,

vor allem alternativer Medien aus der ganzen Welt... Versammlungen

und politisch kulturelle Veranstaltungen im Rahmen der “otra”. Feiern

einerseits, aber mit Vorsicht und Wachsamkeit, denn wir wissen nie wo

die nächste Gewalt zuschlägt. Chiapas ein politisches und

spirituelles Herz für die Veränderung der Welt von unten links oder

einfach nur eine grosse verträumte Politshow...