From: "katja" <ketchupita@riseup.net>

Subject: Nachruf Ramona

Date sent: Sun, 8 Jan 2006 19:19:27 +0100


http://www.jornada.unam.mx/2006/01/07/003n2pol.php


Eine zarte und kluge Frau mit der Kraft einer Bombe


San Cristóbal de las Casas, Chiapas, 6. Januar.


Die Kommandantin Ramona hatte immer mehrere Aufgaben. Die wichtigste

davon, so sagte sie, war es, "die Menschen aufzuwecken". Wer hätte

gedacht, dass sie, die prototypische "unsichtbare" Indígena-Frau,

eine der "Kleinsten" dieses Landes, die nicht zu existieren scheinen,

einmal Protagonistin so machtvoller und unvergesslicher Bilder für

Mexiko und die Welt sein würde: in den Nebeln des ersten Interviews

mit den zapatistischen Befehlshabern 1994; in der Kathedrale von San

Cristóbal de las Casas, wo sie die Gesandten der Regierung Salinas

das Schämen lehrte; in der Gemeinde La Realidad, als diese schon fast

von der Bundesarmee eingenommen wurde, als das erste Mal eine

Zapatistin nach Mexiko Stadt aufbrach: sie.


Aber das stärkste und zugleich paradoxeste jener Bilder ist vom 12.

Oktober 1996. Die Tzotzil-Kommandantin, eine professionelle (und

exzellente) Stickerin, kam in Mexiko Stadt an, abgeschirmt wie ein

sehr wertvolles Wesen. Oder ein sehr gefährliches. All dieses Eisen

auf dem Asphalt, das Polizeiaufgebot, die Kameras und Mikrofone, die

Menge auf den Bürgersteigen, für eine Frau sehr kleinen Körperbaus,

fast einsprachig und fast Analphabetin und zu alledem noch schwer

krank.


Kann man sich ein gefährlicheres Wesen vorstellen? Die Regierung von

Ernesto Zedillo war der Meinung, Ramona sei eine gefährliche Waffe.

Und reagierte dementsprechend.


Warum? Diese Frau war nicht nur bei der subversiven Einnahme von San

Cristóbal de las Casas durch die Indígenas der EZLN am 1. Januar 1994

dabei. Sie war auch eine Mitbegründerin der Rebellenarmee und eine

der zivilen Befehlshaber, der höchsten Befehlsgewalt der EZLN. Und

als sei das nicht genug, war sie auch eine der Initiatorinnen des

Revolutionären Frauengesetzes, das damals von den Aufständischen

bekannt gegeben wurde, nicht als fertige Tatsache, sondern als

Kampfprogramm, das es zu erfüllen gilt.


Was unterscheidet ein solches Wesen von einer gefährlichen Bombe?

Immer wenn Ramona außerhalb ihrer Gemeinden in ihrem San Andrés

gesehen wurde, explodierte sie wie eine Bombe. Klug, zart, die Finger

immer in Bewegung, immer mit einem Faden beschäftigt, selbst wenn sie

sich ausruhte. Und die Brust leuchtend rot mit ihrem Huipil

bekleidet.


Als ein Jahr seit der Unterzeichnung der Vereinbarungen von San

Andrés vergangen war, gewährte Ramona im Februar 1997 der

Tageszeitung La Jornada ein Interview in Mexiko Stadt, als sie sich

von ihrer Lebertransplantation erholte. Damals sagte sie: "Wir

Zapatistas wollen ein Mexiko, das sich verändert, wenn sich Mexiko

verändert, wird Mexiko eines Tages frei sein." Und fügte hinzu: "Wenn

die Vereinbarungen nicht erfüllt werden sollten, werden sich die

Indígenas weiter versammeln."


Am 10. Oktober 1996 war sie aus La Realidad aufgebrochen, eskortiert

von Subcomandante Marcos, vor der aufgeregten Presse, den

Abgeordneten und Senatoren der Cocopa, die als menschliche Schilde

vor Ort waren, damit die Armee nicht in diese Tojolabal-Gemeinde

einrückte, inmitten einer der schlimmsten Krisen dieses "Krieges auf

dem Papier und im Internet" (so bezeichnete es ein Mitglied der

Salinas-Regierung, der sich allerdings selbst für jemanden aus

Fleisch und Blut hielt).


An jenem Tag befanden sich verschiedene Intellektuelle in La

Realidad. Und die Nationalversammlung von El Barzón, enttäuscht

darüber, dass die Zapatistas nicht Subcomandante Marcos nach Mexiko

Stadt schickten, sondern eine unbedeutende Frau.


Nachdem sie den Zócalo mit ihr zujubelnden Menschen gefüllt hatte,

bei der Gründung des Nationalen Indígena-Kongresses im Centro Médico

Nacional dabei war, das Regime zum Zittern gebracht und den Tod im OP

besiegt hatte, sagte Ramona überrascht, mit den Augen leuchtend wie

schwarzes Feuer und der Stimme eines Vogels auf Tzotzil: "Ich weiß

gar nicht, warum sie mich mögen."


Die Chicano-Musikgruppe Quetzal wurde mit dem Lieb "Todos somos

Ramona" (Wir alle sind Ramona) bekannt. Wenn es wirklich so wäre,

dass wir alle Ramona sind, dann wäre diese Welt ein viel besserer

Ort.


Hermann Bellinghausen, Korrespondent


üs. von Katja



From: "Dana" <dana.aldea@arcor.de>

Subject: Worte der EZLN in Tonala - Subcomandante Marcos gibt

Ramonas Tod bekannt

Date sent: Sun, 8 Jan 2006 20:18:26 +0100


Worte der EZLN in Tonala - Subcomandante Marcos gibt Ramonas Tod

bekannt


8. Januar 2006

Tonalá, Chiapas

Cine Palacio, 16:15 Uhr

(Originaltext von Enlace Zapatista http://www.ezln.org.mx/)


Gut, Compañeros und Compañeras. Ich werde Sie jetzt bitten mir sehr

aufmerksam zuzuhören, und ich möchte Sie respektvoll bitten mich bis

zum Schluß nicht zu unterbrechen. Der Grund weshalb wir die Andere

Kampagne führen, ist damit die Stimme aller gehört wird, deshalb ist

es wichitg Geduld zu haben, und die Stimme aller anzuhören. Bei

meiner Arbeit als Sprecher der Zapatistischen Armee der Nationalen

Befreiung gibt es Augenblicke, die sehr hart sind, so wie das, was

ich jetzt gleich sagen werde.


Ich wurde angewiesen bekanntzugeben. . . deswegen die Unterbrechung,

dass Compañera Comandanta Ramona heute morgen gestorben ist. Wie alle

wissen, ging es ihr nicht schlecht aber (undeutlich) . . . dank der

Hilfe von Menschen wie Sie, konnte Sie es überwinden und erhielt eine

Nierentransplantation. Heute morgen setzte Erbrechen ein, mit Blut

und Durchfall, und unterwegs nach San Cristóbal, starb sie auf dem

Weg dorthin.


In diesem Fall ist es für mich sehr schwer zu sprechen, aber was ich

ihnen sagen kann ist, dass die Welt eine beispielhafte Frau verloren

hat. Dass die Welt, dass Mexiko eine der Kämpferinnen verloren hat,

wie sie gebraucht werden, und dass wir alle ein Stück unseres Herzens

verloren haben. In den nächsten Minuten wird das Caracol von Oventic

geschlossen werden, und wir werden (undeutlich) den Tod dieser

Compañera privat betrauern. Wir hoffen, dass die Kommunikationsmedien

dies respektieren werden, und Ihren Tod nicht in ein (undeutlich).

Aufgrund dessen werden wir unsere Teilnahme an den heutigen und

morgigen Veranstaltungen absagen, und werden jetzt dorthin

zurückkehren um die Anordnungen der Compañeros der Kommandantur und

des Geheimen Revolutionären Indigenen Komitees zu erwarten.

(Undeutlich) wir werden dort sein.


Vielen Dank an alle die gekommen sind. Danke für ihr Wort. Wir werden

dies fortsetzen müssen. Wir werden die Bedingungen dafür schon sehen.

Comandanta Ramona war bei dem Abschluss der Vollversammlung,

Verzeihung, bei der Eröffnung der Vollversammlung in La Garrucha

anwesend. Wir haben mit ihr gescherzt. Erst vor wenigen Tagen noch

haben die Compañeros sie am 1. Januar gesehen. Sie übermittelte mir

Grüße und machte Witze (undeutlich). Aber jetzt gerade erinnere ich

mich daran, wie sie uns am Tag der Vollversammlung eine Stickerei

überreichte, die sie angefertigt hatte während sie sich von der

Operation erholte, die sie vor beinahe 10 Jahre hatte. Sie gab sie

mit und sagte, sie hoffte die Andere Kampagne würde so sein wie diese

Stickerei. Das ist es, was wir tun müssen. Danke Compañeros. Wir

müssen uns jetzt zurückziehen. Bitte entschuldigen Sie.


* * *


(übs. Dana)


"Don't Leave Us Alone," translated interview of Comandanta Ramona from Doble

Jornada (Original in Spanish)

http://www.eco.utexas.edu/Homepages/Faculty/Cleaver/bookalone.html


Zapatista Indigenous Women's Petition

http://www.ucimc.org/newswire/display/109912/index.php


Resource Page with links and references, "Zapatista Women"

http://www.actlab.utexas.edu/~geneve/zapwomen/enter.html