Date sent: Fri, 13 Jan 2006 09:43:01 +0100 (CET)

From: dana.aldea@arcor.de

Subject: Delegado Zero in Tonala


Delegado Zero in Tonala


Elio Henriquez


La Jornada, 10. Januar 2006


Tonalá, Chiapas, 9. Januar. Subcomandante Marcos bezeichnete es als

"kriminell", dass Marta Sahagún, Ehefrau von Präsident Vicente Fox,

"sich verhält als hielte sie ein öffentliches Amt inne", und zusammen

mit dem Präsidenten "die Schicksale eines Landes entscheidet, obwohl

niemand sie für diese Aufgabe gewählt hat."


Nach der Wiederaufnahme der Anderen Kampagne, die am letzten Freitag

aufgrund des Todes von Comandanta Ramona unterbrochen worden war,

erklärte Delegado Zero, dass "der zivilisierte, anständige und

friedliche Weg" der Wahlen "dieses Land mit Verbrechen gefüllt, und

die großen Politiker: Abgeordnete, Senatoren, Präsidenten,

Gouverneure, Staatssekretäre, sind schon in den roten Zahlen

anzutreffen".


Vor ungefähr 200 Personen, die sich im Kinopalast versammelt hatten,

ermahnte Marcos den Präsidenten ironisch auch an die Nichterfüllung

seines Wahlversprechens, den bewaffneten Konflikt in Chiapas

innerhalb von 15 Minuten lösen zu können. Daraufhin merkte er an,

dass das Problem von Chiapas das gleiche ist, das in allen

Bundesstaaten Mexikos existiert: das kapitalistische System.


Der Sup brach heute um 10:00 Uhr Vormittags von San Cristóbal auf,

und erreichte kurz nach 14:00 Uhr Tonalá, wo am letzten Freitag Abend

das Treffen mit Mitgliedern der Frente Cívico Tonalteco (Bürgerfront

von Tonalá) und anderen Unterstützern der Sechsten Erklärung aus dem

Lakandonischen Urwald, aufgrund des plötzlichen Todes von Ramona

abgesagt worden waren.


Nach seiner Ankunft kam er zunächst bei einer privaten Adresse unter

um zu essen, und es erfolgten keine öffentlichen Aktivitäten bis

18:00 Uhr, als er sich mit einem gemischten Publikum im alten

Kinopalast traf, um das unterbrochene Treffen von vor drei Tagen zu

Ende zu bringen.


Nach zwei Stunden, und Redebeiträgen von ungefähr 30 Personen, die

über verschiedene Probleme im Bezirk und in ganz Mexiko sprachen,

ergriff der Sup für 45 Minuten das Wort, als es keine Wortmeldungen

mehr gab und viele Anwesende ihn um eine Ansprache baten.


"Wir haben nicht gelogen"


Zunächst dankte er für "Ihr Verständnis für das, was am 6. Januar

geschehen ist, aufgrund des Unglücks, das uns [mit Ramonas Tod]

getroffen hat. Vielleicht haben einige von Ihnen schlecht von uns

gedacht, aber es hat sich bereits bestätigt, dass wir nicht gelogen

haben. Aber wir sind zurückgekehrt, um unser gegebenes Wort, Ihnen

zuzuhören, zu erfüllen", sagte er.


Danach erzählte er einen Teil der Geschichte des Aufstandes von 1994,

wobei er auch den ehemaligen Präsidenten Carlos Salinas de Gortari

erwähnte.


"Wir warteten auf die Stunde um zu sagen, dass es uns reichte, als

dieser Verbrecher namens Carlos Salinas de Gortari kam, der hier

anspazierte und den Verfassungsartikel reformierte, der das Recht auf

Land garantierte, was bedeutete, dass wir Campesinos und Indigenas

von nun an weder Recht auf Land haben würden, noch darauf

Protestmärsche, durchzuführen oder Forderungen zu stellen oder irgend

etwas. Und da sagten wir "das ist der Augenblick", und wir mussten

uns entscheiden entweder zu sterben und als Kultur und menschliche

Wesen zu verschwinden, oder zu den Waffen zu greifen."


Beim Erzählen dieses Teils der Geschichte der zapatistischen

Bewegung, erinnerte er sich erneut an Ramona und richtete den Blick

auf die Wand zu seiner Rechten, wo auf einem Behang zu lesen war:

"Jene die für das Leben sterben, können nicht tot genannt werden.

Keine Minute des Schweigens, sondern ein Leben des Kampfes! Es lebe

Comandanta Ramona!"


"Die Frau, die wir am 6. Januar verloren haben, Comandanta Ramona,

war eine bescheidene und einfache Frau", so wie es alle großen

sozialen Kämpfer sind, betonte der zapatistische Anführer.


"Sie kennen mich besser, weil ich die Aufgabe des Sprechers habe,

nicht weil ich höhergestellt wäre als meine Compañeros. Besonders

dieser Compañera komme ich nicht einmal nahe, weil sie immer barfuss

lief, und obwohl sie so klein war, musste ich immer zu ihr

hinaufschauen", erklärte er.


Die zapatistische Bewegung, so Delegado Zero, "ist weder jetzt, noch

war es jemals, noch wird jemals Marcos sein, so wie die Andere

Kampagne niemals einen Anführer haben wird".


Gegen die Parteien


Der kurz davor erfolgte Beitrag des PAN-Anhängers Andrés Marcial

Corzo, gab Marcos die Gelegenheit die Nationale Aktionspartei zu

kritisieren, und insbesondere die Ehefrau des mexikanischen

Präsidenten.


Der tonaltekische Professor sprach von der "Verwirrung" und

"Überraschung", die die Andere Kampagne bei ihm hervorgerufen hätte,

durch ihre Einstellung gegen die politische Parteien und ihre

Präsidentschaftskandidaten. "Wenn wir uns nicht an den politischen

Parteien beteiligen. Wie wollen wir dann an die Macht kommen?" fragte

der PAN-Anhänger.


"Ich möchte mich gerne auf das beziehen, was ein Herr von der

Nationalen Aktionspartei gesagt hat, darüber dass er sich Sorgen

macht, weil uns immer beigebracht worden sei, dass der zivilisierte,

friedliche und gesetzliche Weg der Wahlen, der einzige Vorschlag ist,

der in Frage kommt, und dass die Andere Kampagne etwas anderes

vorschlägt, und er darüber besorgt ist, was passieren wird", begann

der Rebellenanführer.


Er ging zum Angriff über: "Dazu sagen wir, dass dieser zivilisierte,

anständige und friedliche Weg dafür gesorgt hat, dieses Land mit

Verbrechen zu füllen. Oder ist es etwa nicht kriminell, dass Señora

Marta Sahagún de Fox, die Ehefrau von Señor Fox, der sagt er sei der

Präsident von Mexiko, sich so zeigt, dass heißt, so verhält, als

hielte sie ein öffentliches Amt inne, obwohl niemand sie gewählt hat?

Und sie gehört genau der PAN an. Wie soll jemand aus der PAN Ihren

Kindern beibringen für die Demokratie zu kämpfen, wenn sie gemeinsame

Entscheidungsgewalt über die Schicksale eines Landes ausüben, obwohl

niemand sie für diese Aufgabe gewählt hat?"


Marcial Corzo, so Marcos weiter, nachdem der Applaus verklungen war,

"sprach hier, und wir haben ihm zugehört. Als eine Frau wie Ramona,

eine Indigena namens Esther, den Bundeskongress betrat um in 2001

unsere Forderungen zu präsentieren, marschierten alle PAN-Mitglieder

hinaus, weil sie es nicht tolerierten, eine Indigena zu sehen, die

nicht zur Dienerschaft gehörte".


Dann fragte er: "Ist dies das Land oder die zivilisierte Weise, die

wir unseren Kindern vererben wollen, wo die Hautfarbe eines jeden,

oder die Art zu sprechen, Grund ist, verhöhnt zu werden?"


Er erklärte, die politische Elite des Landes "empfindet für Sie, für

uns, nur tiefste Verachtung. Wir sind nicht würdig von ihnen zur

Kenntnis genommen zu werden, nicht einmal um uns zu sagen, dass wir

schlecht sind. Für sie existieren wir nicht ".


Vor einem aufmerksamen Publikum von Jugendliche und Erwachsene, fuhr

Delegado Zero fort: "Diese zivilisierte Welt, die uns jene anbieten,

die über Demokratie und politische Parteien reden, ist in Wahrheit

die schlimmstmöglichste Welt, voller Verbrecher, und die Demokratie,

die sie uns anbieten, liegt darin zu wählen wer uns töten,

einsperren, ausrauben und verhöhnen soll. Ist das die Demokratie für

die wir gekämpft haben und kämpfen werden? Es ist die Freiheit mir

meinen eigenen Henker auszusuchen, und wir sagen: 'Nein, die Henker

sollen alle gehen, Politik soll nicht mehr betrieben werden um Macht

auszuüben, Geld zu verdienen und die anderen zu unterdrücken, sondern

sich in eine andere Politik verwandeln."


* * *

(übs. von Dana)