Heikes Rundbrief Ende Januar 2006
Die Küste, der Hurrican Stan… unbekanntes Chiapas
Eines morgens, als ich die e-mails im computer abholte war diese
Einladung dabei. Das Menschenrechtszentrum Fray Matias de Cordoba in
Tapachula schickte eine Einladung, bzw. bat um Hilfe.
Chiapas war im Oktober 2005 vom Hurrikan Stan betroffen. Ich kannte
Hurrikane bisher nur vom Fernsehn. In Deutschland gab es ja all die
Katastrophen der Welt im Fernsehn zu beobachten. Benannt, bekannt
als Naturkatastrophen. Allerdings gibt es auch viele Zweifel daran, ob
es wirklich die Natur ist die Katastrophen verursacht. Mutter Erde will
doch nicht ihre Kinder schlagen.
Das Menschenrechtszentrum organisierte Brigaden, die die
Betroffenen des Hurrikans besuchen und interviewen sollten um sie
über ihre Rechte zu informieren und die Verletzungen dieser Rechte
bekannt zu machen.
So beteiligte ich mich an diesen Brigaden.
Wir waren 15 Leute aus unterschiedlichen Organisationen und Ländern
und teilten uns in 5 Gruppen auf.
Wir fanden eine grosse Vielfalt von Erlebnissen und Problemen.
Beeindruckend war schon einfach der Blick.
Es sieht aus wie ein endlos weiter Strand. Weisser Sand und grosse
Steine. Nicht zu glauben das hier mal Häuser standen, Mango und
Bananenbäume wuchsen, Kühe und Schweine umherliefen, Kinder
spielten...
In der nächsten Kleinstadt treffen wir dann eine Familie die auf der
Strasse Apfelsinen und Süssigkeiten verkaufen. "Wir wohnen jetzt
hier im Casa Ejidal. Wenn es eine Versammlung gibt müssen wir auf die
Strasse.
Der Bürgermeister hat uns ein neues Stück Land versprochen um unser
Dorf wieder aufzubauen... aber bisher gibt es nichts... wo sollen wir
hin ?"
Immer wieder erzählten uns die Leute von Versprechungen der
Bürgermeister die nicht eingehalten wurden. Gleichzeitig aber warten
sie auf die Hilfen der Regierungen.
Ich traf niemanden wer gesagt hätte "wir wollen mit dem Staat nichts
zu tun haben und helfen uns selber". Das ist, was ich von der
Autonomie der Zapatistas kenne. Überhaupt sind die Zapatistas hier an
der Küste nicht sehr bekannt. Wenn ich Leute fragte bekam ich
unterschiedliche Antworten wie: "Hier haben die Leute Angst vor den
Zapatistas, wegen der Gesichtsmaske und weil sie sie nicht kennen."
Oder
"Marcos kämpft für die Armen, aber zu uns kommt er nicht". Mehr als
Marcos ist den meisten Leuten nicht bekannt. Die Vision des Aufbaus von
Basisdemokratie, Regierungen die gehorchen... bis zum Aufbau der
Gesundheitsversorgung scheint hier alles unbekannt.
Der Subkomandante Marcos war zur selben Zeit an der Küste wie ich.
Als Delegierter Null ist er seit dem 1.1.2006 auf einer Rundreise die in
San Cristobal begann. Begleitet von vielen SympatisantInnen reiste er
auch an die Küste. Die lokalen Zeitungen beschimpften ihn und die lokalen
SympatisantInnen der EZLN. In Huixtla gibt es so Dreiräder, die wie Taxis
arbeiten. Der Bürgermeister verlangt Steuern von ihnen, die Zapatistas
unter ihnen weigern sich Steuern zu zahlen. Sie werden als Piraten beschimpft.
Kulturell und politisch habe ich den Eindruck in einem anderen Land
zu sein. Die wenigen IndianerInnen die hier leben kommen aus Guatemala.
Die Bevölkerung hier verstehen sich als MestizInnen. Die Menschen leben
viel individualistischer.
Wir trafen schon auch Menschen die einander halfen als sie vom
Hurrikan verfolgt wurden. Auf der anderen Seite aber auch immer wieder
Leute die erzählten von anderen beklaut worden zu sein. Manuela lebte
von der Schweinezucht und Mast. Sie brachte ihre Schweine in die Schule
um sie vom Hurrikan zu retten. Dann sah sie Polizisten Schweine schlachten.
Sie konnte noch einige retten. Nun erzählte sie uns, die Frau eines Politikers
hätte ihr viele Schweine geklaut. Von anderer Seite wurde uns berichtet der
Bürgermeister hätte der Polizei befohlen Tiere zu schlachten und das Fleisch
zu verteilen.
Die schlimmsten Geschichten hörten wir aus der Grosstadt Tapachula.
Mit Waffen versuchten Leute den Inhalt ihrer kaputten Häuser vor Dieben
zu schützen. Andere bewaffnete Banden plünderten die Häuser oder
überfielen Hilfstransporte.
Dagegen auf einer Insel beschwerten sich die Fischer, das wegen der
Radiomeldungen niemand ihre Fische kaufte. Aber sie verschenkten
dann Fische an die Hungrigen in anderen Dörfern und bekamen dafür mal
Früchte geschenkt. Wer Fische ist muss an der Küste nicht verhungern.
Im November hatte es viele Lebensmittelhilfen gegeben. In einer
Stadt wurde uns erzählt, diese Lebensmittel seien derweil in den
Geschäften gelandet. Andere erzählten das sich verschiedene
Regierungsstellen gegenseitig beschuldigen Lebensmittel zu verstecken.
Es wird sicher interessant in einigen Monaten zu beobachten ob diese
Lebensmittel im Wahlkampf wieder auftauchen. Wobei wir doch immer
wieder erfuhren, das Lebensmittel von Kirchen und auch von
Regierungsstellen verteilt worden waren. Was den Menschen am meisten
fehlt, ist ein neues zu Hause.
Wir besuchten eine Organisation in den Bergen. Sie erzählten davon
in ihren Dörfern die Ernte verloren zu haben. Die Menschen helfen
einander Häuser wieder aufzubauen, aber sie leiden Hunger.
Diese Dörfer sind oft
10 Stunden Fussweg entfernt was es sehr schwierig macht Lebensmittel
hinzubringen. Ein Hubschrauber wäre ideal, aber ein paar Maultiere
wären auch schon eine Hilfe.
Viele Leute haben Angehörige die in die USA ausgewandert sind.
Jetzt nach dem Hurrikan wandern noch mehr Leute aus. Die
Menschenhändler verlangen so zwischen 2000 und 3000 Dollar um jemanden
in die USA zu bringen. Angehörige oder Freunde die schon dort sind zahlen
das Geld und wer nun ankommt muss es über Jahre zurück zahlen.
Ganz offen werden Reisen nach Tijuana und andere Grenzstädte angeboten.
Besonders hart ist es für Leute aus Mittelamerika. Unterwegs traf ich Leute
die unterwegs waren. Aus dem Bus aussteigen, zu Fuss am Posten der Migration
vorbei, wieder wo einsteigen... Ja und nun lässt Präsident Bush eine Mauer
bauen an der Grenze zu Mexico. Diese wird die Berliner Mauer in
Todesopfern bald übersteigen, bei den Tausenden die sich täglich auf den Weg
machen.
Bei unseren Besuchen erlebten wir immer wieder, das die Betroffenen
auf uns zu kamen und um Hilfe baten. Auch wenn wir keine materielle
Hilfe brachten, gaben wir den Menschen doch Mut, sich zu organisieren
und gemeinsam ihre Rechte einzufordern.