- Polizisten
in Mexiko
-
- Rache
bei Sonnenaufgang
-
- VON KLAUS EHRINGFELD
-
- Als José Luis
Soberanes vor die Presse trat, teilte er mit der Nüchternheit
eines Finanzbeamten Abschreckendes mit. Der Vorsitzende der
staatlichen mexikanischen Menschenrechtskommission CNDH verlas den
Bericht über einen Polizeieinsatz Anfang Mai in einem Vorort
von Mexiko-Stadt, bei dem nach Erkenntnissen der Kommission
mindestens 23 Frauen sexuell misshandelt und vergewaltigt wurden.
Demnach griffen die Polizisten Frauen an Brust und Gesäß,
zwangen sie zum Oralsex oder steckten ihnen Finger in die Vagina.
Unter den Opfern befinden sich auch mehrere Ausländerinnen,
darunter eine 27 Jahre alte deutsche Studentin (siehe Interview).
-
- Den Ergebnissen des
CNDH gebührt besondere Beachtung, denn das Gremium wird von der
Regierung finanziert und steht nicht im Ruf, besonders kritisch mit
staatlichem Fehlverhalten umzugehen. Es war das erste Eingeständnis
einer staatlichen Institution, dass in San Salvador de Atenco
Menschenrechte verletzt wurden. Zuvor hatten der konservative
Präsident Vicente Fox und seine Minister stets wiederholt, dass
die Beamten lediglich dem "Rechtsstaat zur Durchsetzung"
verholfen hätten.
-
- 3000 Polizisten
rückten an
-
- Am 3. Mai waren
Mitglieder des so genannten Volksbündnisses zur Verteidigung
des Landes (FPDT), ein Zusammenschluss von linken Gruppierungen,
Studenten und Globalisierungsgegnern, in Atencos Nachbarort Texcoco
Blumenhändlern zu Hilfe geeilt, die von der Polizei bedroht
wurden. Es folgten rund zehn Stunden Straßenschlacht zwischen
der Polizei und der FPDT, in deren Verlauf Steine,
Molotow-Cocktails, Gummiknüppel und auch Kugeln flogen. Beide
Seiten gingen mit hoher Brutalität aufeinander los. Am Ende gab
es viele Schwerverletzte, ein 14-jähriger Junge starb durch
eine Polizeikugel. Das Fernsehen übertrug die Ausschreitungen
live zur Abendbrotzeit in die Wohnstuben landesweit.
-
- Am nächsten Tag
rückten im Morgengrauen rund 3000 Polizisten mit Brecheisen und
Tränengas in Atenco ein, brachen Türen und Tore auf,
zerrten wahllos Bewohner aus ihren Häusern, schlugen sie,
steckten sie in Gefangenentransporter und brachten mehr als 200
Festgenommene ohne vorherige Anhörung in ein Gefängnis
nach Toluca, die Hauptstadt des Bundesstaates Mexiko. Die
festgenommenen Ausländer, zwei Spanierinnen, eine Chilenin, ein
Chilene und die Deutsche, wurden umgehend deportiert.
-
- Sechs Wochen vor der
Präsidentschaftswahl erhalten die Vorkommnisse besondere
Brisanz. "Atenco erinnert ein wenig an alte Zeiten und wirft
einen Schatten auf Fox' Amtszeit, die bisher frei von flagranten
Menschenrechtsverletzungen war", sagt Lorenzo Meyer, Politologe
an der Hochschule Colego de México. In den 71 Jahren, in
denen die Partei der Institutionalisierten Revolution (PRI) an der
Macht war, gehörten solche Akte staatlicher Repression zum
Regierungshandeln. Dennoch sieht Meyer keine Rückkehr zu alten
Gewohnheiten. Mit dem Polizeieinsatz habe die Fox-Regierung vielmehr
eine alte Schuld begleichen wollen, wobei ihr der Einsatz aus den
Händen geglitten sei.
-
- Rückschlag für
den Präsidenten
-
- Die FPDT-Aktivisten
und Bauern aus Atenco hatten Fox zu Beginn seiner Amtszeit eine der
größten politischen Niederlagen zugefügt. Im August
2002 verzichtete der Präsident überraschend auf den
umstrittenen Bau eines neuen internationalen Flughafens nordöstlich
der Hauptstadt. Monatelang hatten sich die Bauern von San Salvador
Atenco, auf deren Land der Flughafen gebaut werden sollte, gegen das
Megaprojekt gewehrt. Wöchentlich zogen sie damals mit erhobenen
Macheten nach Mexiko-Stadt und protestierten gegen die Enteignung
von rund 5000 Hektar Land in einem der letzten verbliebenen
Feuchtgebiete der Region.
-
- Der Rückzug war
eine schwere Niederlage für Fox. Der Airport Mexico-Texcoco
wäre mit Gesamtkosten von rund fünf Milliarden Dollar das
größte Infrastrukturprojekt seiner Amtszeit gewesen. "Er
wurde damals von der Polit- und Wirtschaftselite massiv kritisiert",
sagt Meyer heute. Fox wollte sich zu Beginn seiner Amtszeit von den
Vorgängerregierungen abgrenzen und reagiert zunächst nicht
mit Gegengewalt auf die Abwehr der Bauern von Atenco. Doch nun, kurz
vor dem Ende seines Mandats, war die Gelegenheit offenbar günstig,
die Schmach von Atenco vergessen zu machen - durch einen Einsatz der
Polizei, der gleichwohl völlig außer Kontrolle geriet.
Die Folgen muss Fox nicht fürchten, denn er kann am 2. Juli bei
der Wahl nicht wieder antreten.
-
- Auffallend still
haben sich zu den Exzessen in Atenco die Präsidentschaftskandidaten
verhalten. Allen voran der Linkskandidat Andrés Manuel López
Obrador, der sonst jede Gelegenheit zur Kritik an der Fox-Regierung
wahrnahm. Doch López Obrador hat Kreide gefressen, seit er
mit taktischen Fehlern und verbalen Angriffen auf den Staatschef
seinen Vorsprung in den Umfragen verspielt hat. Wachsweich forderte
er eine "Dialoglösung" in Atenco. Sein schärfster
Rivale, Felipe Calderón, der für die regierende
konservative Partei PAN antritt, feierte gar den Polizei-Einsatz als
"Wiederherstellung des Rechtsstaates".
-
- Quelle:
http://www.fr-aktuell.de/in_und_ausland/hintergrund/?em_cnt=902798
-
- Worte
von Subcomandante Insurgente Marcos auf dem Zócalo von Mexiko
Stadt, zum 35. Jahrestag des "Corpus Christi"
Studentenmassakers in D.F.
-
- 10. Juni 2006
-
- Compañeros und
Compañeras der Anderen Kampagne: 35 Jahre nachdem die
paramilitärische Gruppe genannt "Halcones" ("die
Falken"), ausgebildet, aus
-
gerüstet und bezahlt
von der Regierung, eine friedliche Studentendemonstration
attackierte, ermordete die Polizei den jungen Studenten Alexis
Benhum
-
ea Hernández, ein
Aktivist der Anderen Kampagne.
-
- Am 4. Mai dieses
Jahres, befand sich Alexis in San Salvador Atenco, um seine
Solidarität mit den Bewohnern zu zeigen, als die Polizeikräfte
der Re
-
gierung den Ort stürmten.
Hunderte Männer und Frauen wurden verprügelt, willkürlich
und widerrechtlich festgenommen, Frauen wurden vergewaltig
-
t, Minderjährige
eingesperrt, Häuser geplündert, und ein Junge, der Zeuge
der Polizeibrutalität war, wurde ermordet.
-
- Alexis wurde durch
eine Tränengasgranate schwer am Kopf verwundet, ein Projektil
wie dieses, das ich hier zeige ... aus dem Haus wo sich Alexis in d
-
em Augenblick befand, als
er von der Polizei angegriffen wurde. Ich werde dies an Alexis'
Vater übergeben, damit es als Beweis benutzt werden kann.
-
Ich habe es nicht
angefasst. Ich würde empfehlen es auf die digitalen
Fingerabdrücken von Vicente Fox und Enrique Peña Nieto
zu untersuchen.
-
- Alexis wartete viele
Stunden lang ohne ärztliche Hilfe zu erhalten, dank des
Belagerungszustands, der von der Regierung über Atenco verhängt
wur
-
de. Alexis blieb mehr als
ein Monat lang am Leben, bis der Tod ihn in den frühen
Morgenstunden des 7. Juni nahm. Alexis ist tot, und das Projektil,
-
das ihn getötet hat,
wurde in den Vereinigten Staaten hergestellt, abgefeuert aus einem
Granatenwerfer, mit dem die Polizei Atenco am 4. Mai 2006 st
-
ürmte.
-
- Alexis ist tot, und
wir fragen uns, weshalb? Weshalb hat die Polizei einen 20-jährigen
Jugendlichen ermordet, einen brillanten Studenten, einen Kü
-
nstler? Und weshalb tun
die Politiker da oben so, als ob es sie nicht kümmere? Wie ist
es möglich, dass die Regierung einen jungen Studenten ermor
-
det, und für die
Regierung, die politischen Parteien und die Massenmedien alles beim
Alten bleibt? Sie haben sich nicht einmal die Mühe gemacht ei
-
ne Untersuchung zu
fordern, kaum eine schüchterne und schwache Anspielung, und
schon geht es weiter mit den Werbespots die politische Positionen ve
-
rsprechen, als ob sie
Deodoranten wären, die den Gestank verdecken könnten, den
das mexikanische politische System verströmt.
-
- Die Ermordung dieses
jungen Mannes, unser Compañero in der Anderen Kampagne, wurde
von der mexikanischen politischen Klasse mit Verachtung behandelt
-
, die sich nicht einmal
dazu herablassen, den Schmerz der Familie von Alexis wahrzunehmen.
Genauso, wie sie weder Augen noch Ohren für die Ungerecht
-
igkeit haben, die unsere
Compañeras und Compañeros in den Gefängnissen des
Bundesstaates von México gefangen hält.
-
- Weshalb haben die
Kandidaten nichts über diese Ermordung gesagt? Das liegt daran,
dass Alexis' Tod nicht rentabel ist. Er ist kein attraktives Produ
-
kt auf dem
Wahlkampfsmarkt. Deshalb sagen sie gar nichts. Doch wir suchen nach
einer Antwort auf die Ermordung unseres Compañeros.
-
- Alexis wurde
ermordet, weil er jung und rebellisch war, weil er teil der Anderen
Kampagne war, weil er sich für den Pfad entschieden hatte, ein
Syst
-
em zu verändern, das
die Jugend in ein Verbrechen verwandelt, welches mit dem Tod
bestraft wird. Alle Jugendlichen von unten wissen, ganz gleich ob
-
Männer oder Frauen,
dass sie als Verbrecher gelten, aufgrund ihrer Art sich zu kleiden,
ihr Haar zu tragen, zu sprechen, aufgrund ihrer Musik. Die G
-
raffitikünstler, die
Banda, die Skater, die Goths, die Punks, die Anarchisten, die
Libertären, die HipHopper, die Studenten, die Straßenhändle
-
r, die Arbeiter, die
Rocker, die Angestellten, alle Jugendlichen von unten sind
bevorzugte Gefangenen der Polizei, ganz gleich unter welchem
Parteisym
-
bol die Regierung geführt
wird.
-
- Und das Argument der
Regierung ist, dass diese Jugendliche wie Drogenabhängige,
Gauner und Verbrecher aussähen, während sich unter jenen,
die ni
-
cht danach aussehen:
Geschäftsleute, Kongressabgeordnete, Senatoren, Minister,
Bürgermeister, der Präsident, Funktionäre aller
Ebenen, Polizei
-
chefs, Generäle, die
Ehefrau des Präsidenten - gerade hier finden sich die Mörder,
die Gauner, die Verbrecher, und nicht unter den Jugendlichen.
-
Es erschreckt sie
nämlich, dass die Jugendlichen Autorität ablehnen, da es
die Autorität ist, die sie verfolgt, einsperrt, foltert,
vergewaltig
-
t und ermordet. Welche
Art von Respekt kann man sich über die Waffen aufbauen, die
unterdrücken, und die Gefängnisse, die einsperren.
-
- Alexis Benhumea
Hernández ist tot, seine Familie betrauert ihn, wir betrauern
ihn, die Otra, die Andere Kampagne. Die Regierung sagt, es sei
bedauer
-
lich, dass sie
Verständnis hätten, das sagt der eine, der das sagen hat,
und dann zückt er das Scheckbuch heraus und fragt, wie viel der
Tod von
-
Alexis wert sei. Aber
wir, hier unten und links, fragen nicht nach dem Preis seines Todes.
Wir kennen ihn bereits, und haben die Kosten in unsere Her
-
zen eingetragen.
-
- In der Otra fragen
wir uns: wie viel war Alexis' Leben wert, und damit das Leben
unserer Patria? Wieviel für das Leben von Alexis? Wieviel für
die
-
Frau, das Kind, den
Mann, dem Alten, die jeden Tag unterdrückt, vergewaltigt,
eingesperrt, ermordet werden, unter dem Alibi von Gesetz und
Ordnung.
-
Und wir fragen: Wieviel
für ein anderes Land? Für ein anderes Mexiko?
-
- Ein Mexiko, in dem
das Verbrechen nicht mit Regierungsposten belohnt wird, sondern mit
Gefängnisstrafen.
-
- Ein Land in dem die
Jugendlichen nicht aufgrund ihres Alters, ihrer Kultur, ihrer
Lebensart, verfolgt, geschlagen, vergewaltigt, eingesperrt und ermor
-
det werden, weil es nicht
genug Studienplätze, Erholung, Sport und Kultur für alle
gibt.
-
- Ein Mexiko, in dem
die Politik nicht länger ein Geschäft ist, nicht länger
ein Ort an dem man Heuchelei und Verrat applaudiert.
-
- Ein Land, in dem
jene, die arbeiten, mit Würde ihren Lebensunterhalt verdienen
und leben.
-
- Ein Mexiko, in dem
solche, die ihren Wohlstand auf Kosten des Elends der anderen
aufbaut, nicht existieren.
-
- Ein Land, in dem die
Demokratie nicht auf ein pathetisches Disput zwischen politischen
Parteien beschränkt ist, die keine Parteien sind, sondern Wer
-
beprodukte, die den
Verbraucher in jeder Hinsicht betrügen.
-
- Ein Land, ein Mexiko
mit Demokratie, Freiheit und Gerechtigkeit.
-
- Wenn die da oben
denken, sie könnten Alexis ermorden und Furcht und Erstarrung
in uns pflanzen, dann irren sie sich. Wir werden weitermachen. Wir
we
-
rden weiterwachsen, und
wir werden diesen Wachstum organisieren. Wir werden weitermachen,
und wir werden uns erheben. Und wir werden nicht nur den zum
-
Fall bringen, der durch
Befehlen regiert, sondern auch den, der alles besitzt, der von oben
Gefängnisstrafen, Schmerz und Tod über die unteren ve
-
rhängt. Wir sind was
wir sind, und mit den unteren, die wir sind, werden wir die
Gerechtigkeit finden, die wir brauchen, die Freiheit, die wir verdi
-
enen, und die Demokratie
nach der wir uns sehnen.
-
- Wenn dieser Tag
kommt, wenn wir unsere Aufgabe erfüllt haben, dann werden die
Strassen und die Felder unseres Landes nicht länger ein Platz
der ze
-
rbrochenen Träume
sein, der schlechtgeratenen Lichter, des reifen Zynismus, und des
Sterbens um zu leben.
-
- An diesem Tag wird
unser Land, unser Mexiko, ein Pfad zur Würde sein.
-
- Es wird ein anderes
Land sein, ein Anderes Mexiko.
-
- Lang lebe Alexis.
-
- Möge der Tod
sterben.
-
- Danke Compañer@s.
-
- * * *
-
- (Übs. von Dana)
-
- Quelle:
http://enlacezapatista.ezln.org.mx/la-otra-campana/351
-