Unten stehender jW-Artikel verbunden mit dem Hinweis, dass unter der
URL http://www.gwu.edu/~nsarchiv/NSAEBB/NSAEBB180/index.htm
das National Security Archive (NSA) in Washington die vorläufige
Fassung des Berichts zur Aufklärung staatlicher Verbrechen während
der "Guerra sucia" der dem Sonderstaatsanwalt Dr. Ignacio Carrillo
Prieto seit dem 15.12.2005 vorliegt, im Internet publiziert hat. Der
brisante Text, der in Mexiko noch nicht veröffentlicht wurde, steht
seit letztem Sonntag im Netz. Das NSA ist eine Initiative
investigativer Journalisten und Juristen, die seit Jahren auf der
Grundlage des „Freedom of Information Act“ u.a. Verbrechen
staatlicher Organe in Lateinamerika ans Tageslicht holen. Seit vier
Jahren gibt es eine Forschungseinheit für die Vorgänge während des
„Schmutzigen Krieges“ in Mexiko (Mitte der 1960er bis 1980er Jahre).
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Endlose Vertuschung
Mexiko:
Offizieller Bericht über »Schmutzigen Krieg« läßt weiter auf
sich warten
Von Diego Cevallos, Mexiko-Stadt
Über drei Jahrzehnte verzögerten mexikanische Regierungen jegliche
Bemühungen, Licht ins Dunkel des »Schmutzigen Krieges« zu bringen.
Nun sickerten Informationen zum Entwurf eines »offiziellen Berichts«
über die blutigen Verfolgungen von Oppositionellen in den sechziger
und siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts durch - und schon
das Bekanntwerden erster Inhalte sorgte für Kritik.
Erarbeitet hat den Entwurf das Büro des mexikanischen
Sonderermittlers für soziale und politische Bewegungen der
Vergangenheit - eine Stelle, die unter Verantwortung der
Generalstaatsanwaltschaft eingerichtet wurde. Daß die Untersuchungen
ausgerechnet unter staatlicher Oberhoheit und nicht, wie gefordert,
von einer überparteilichen Wahrheitskommission durchgeführt wurden,
hatte bereits vor fünf Jahren zu Protesten geführt. Nun also soll
ausgerechnet ein staatlich angebundener Sonderermittler die
Menschenrechtsverbrechen aus den Jahren des Schmutzigen Krieges des
Staates untersuchen und vor Gericht bringen. Die bisherigen
Ergebnisse sind dementsprechend: Bislang wurden lediglich drei
Haftbefehle ausgestellt, darunter einer gegen einen früheren
Polizeichef. Alle Versuche, die eigentlichen Verantwortlichen zur
Verantwortung zu ziehen, sind bislang gescheitert.
Nach früheren Untersuchungen wurden während der Verfolgungen der
außerparlamentarischen Opposition Tausende politische Gegner der
seinerzeit regierenden Partei Institutionalisierten Revolution (PRI)
Opfer von Folter und anderen Menschenrechtsverbrechen. Allein 532
Personen sollen von Soldaten und anderen Handlangern der Regierungen
von Gustavo Díaz (1964-70), Luis Echeverría (1970-76) und José López
Portillo (1976-82) verschleppt worden und anschließend verschwunden
sein. Auch haben Soldaten 1968 auf dem Tlatelolco-Platz in Mexiko-
Stadt eine Studentendemonstration gewaltsam aufgelöst. Hunderte Tote
lagen im Anschluß auf dem Straßenpflaster im Zentrum der Hauptstadt.
Etliche weitere Studenten kamen 1971 ums Leben, als eine Gruppe
paramilitärischer Kräfte gegen Proteste ebenfalls in Mexiko-Stadt
vorging.
In dem nun bekanntgewordenen Bericht werden indes lediglich einige
Dutzend Fälle von Folter, Mord und Verschwindenlassen dokumentiert,
so daß Menschenrechtsgruppen eine Vertuschung der wahren Ausnahme der
staatlichen Repression befürchten. »Dieser Bericht sagt für uns
nichts, was wir nicht schon wissen. Für uns ist er nur von begrenztem
Wert, eben weil er von der Regierung ohne jegliche Beteiligung der
Zivilgesellschaft erstellt wurde«, sagte am Dienstag Fabián Sánchez,
Direktor der mexikanischen Kommission für die Verteidigung und
Förderung der Menschenrechte. »Die Regierung hat uns zugesagt, daß
wir beteiligt würden. Dieses Versprechen wurde aber nicht eingelöst«,
so Sánchez.
Die mexikanische Regierung unter dem konservativen Staatspräsidenten
Vicente Fox reagierte indes nach dem Motto »Haltet den Dieb«:
Unbestätigten Angaben zufolge leitete sie eine Untersuchung ein, die
in Erfahrung bringen soll, wer das Dokument an die Öffentlichkeit
gebracht hat.
URL: http://www.jungewelt.de/2006/03-03/056.php