Herr Chávez, der Sub und wir


Mit linksradikalen Codes deutscher Provenienz sind die Entwicklungen

in Lateinamerika nicht zu verstehen. Doch so manches, was als

fortschrittlich daherkommt, ist ein Remake des alten

lateinamerikanischen Autoritarismus.


von wolf-dieter vogel, mexiko-stadt


Die Autonomen der achtziger Jahre wären begeistert gewesen: Eine

linksradikale Organisation, die bewaffnete Verbände unterhält, übt

sich an einer horizontalen Organisationsform, schafft sich eine Basis

bei marginalisierten Teilen der Bevölkerung und gestaltet einen

eigenständigen Alltag in ihren Einflussgebieten. Unterdessen reist

eine Delegation durchs Land, um mit Fabrikarbeitern, Hausbesetzern,

Prostituierten oder Migranten über eine gemeinsame Organisierung zu

debattieren. Und Aktivisten von freien Radiostationen verbreiten die

Inhalte der Treffen im ganzen Land.


Es ist kein Zufall, dass immer wieder die Zapatisten herangezogen

werden, wenn in der Linken über internationale Zusammenarbeit und

Perspektiven nachgedacht wird. Trotz aller unterschiedlichen

Bedingungen scheinen wichtige Aspekte des Kampfs der indigenen

Rebellen aus dem südmexikanischen Bundesstaat Chiapas mit den

Vorstellungen undogmatischer Bewegungen in Europa konform zu gehen.

Auch in dieser Disko-Reihe verwiesen in den vergangenen Wochen die

Autorinnen und Autoren immer wieder auf die Zapatisten.


Die zapatistische Rebellion steht gewissermaßen beispielhaft für eine

Reihe von Kämpfen »von unten«, wie sie in Lateinamerika in den

vergangenen Jahren geführt wurden, darunter die argentinische Revolte

vom Dezember 2001, die Aufstände der indigenen Kokabauern in Bolivien

oder die direkten Aktionen der brasilianischen Landlosenbewegung MST.

Sie alle haben eines gemeinsam: Sie spielen im gesellschaftlichen

Leben ihrer Länder eine relevante Rolle und haben dazu beigetragen,

dass die Linke in Lateinamerika eine erhebliche politische Bedeutung

gewonnen hat. Ihre Bemühungen zielen auf die unmittelbare Veränderung

der elenden Bedingungen, unter denen viele Bauern, Indígenas und

andere Margi­nalisierte leben. Hierin unterscheiden sich die Debatten

des MST oder der Zapatisten grundsätzlich von jenen, die in deutschen

linksradikalen Kreisen geführt werden. Es geht um Realpolitik, nicht

um Ideologiekritik.


Thilo F. Papacek hat also völlig Recht, wenn er schreibt, dass der

EZLN »sich nicht von der Nation emanzipieren, sondern die Indigenen

in einen besseren Nationalstaat integrieren« wolle (Jungle World,

10/06). Die zapatistische Rebellion begann mit dem Vorhaben, ein

Versprechen der bürgerlichen Revolution einzulösen. Nicht von

ungefähr wird selbst im tiefsten Chiapas bei Veranstaltungen nach der

zapa­tistischen die nationale Hymne gesungen. Es ging und geht um die

Emanzipation einer seit Jahrhunderten rassistisch diskriminierten

Bevölkerungsgruppe, es geht um Verfassungs­reformen und rechtliche

Garantien. Wer sich derlei Ziele setzt, hat einen konkreten

Gesprächs­partner: den Staat. Autonome, die in Berlin-Friedrichshain

auf ein paar Plakaten »die Na­tion pulverisieren« wollen, haben es da

freilich einfacher.


Die Indigenen arbeiten darüber hinaus an einer grundlegenden Kritik

der kapitalistischen Vergesellschaftung. Das macht die »andere

Kam­pagne« deutlich, mit der die Zapatisten versuchen, verschiedene

Bevölkerungsschichten in einem langfristigen Konzept zu organisieren.

Zweifellos gibt es Gründe, die nationalstaatliche Ausrichtung der

Zapatisten zu kritisieren. Doch wer daraus schließt, dass sich die

Bewegung an einem paternalistischen Regime wie dem des ehemaligen

argentinischen Präsidenten Juan Perón orientiere, stellt das Anliegen

der Zapatisten auf den Kopf. Die traditionell konservative

mexikanische Linke betrachtet bis heute das Projekt mit

Unverständnis, weil es ohne hierarchische Formen auszukommen

versucht.


Wer die unterschiedlichen gesellschaftlichen Bedingungen und Codes

wild durcheinander würfelt, wird in einer Debatte mit

lateinamerikanischen Linken keinen Millimeter vorankommen. Das gilt

etwa für Horst Pankow, wenn er den aus »Würde«, »Heimat« und »Nation«


bestehenden »völkisch-vaterländischen Zirkus« sowie die

»zapatistischen Sauberkeitskampagnen gegen Prostitution und Drogen«

kri­tisiert (Jungle World, 4/06).


Er zeigt damit, welche realitätsfernen Interpretationen es

hervorrufen kann, wenn man die Verhältnisse in der

lateinamerikanischen Provinz mit linksradikalen Codes deutscher

Provenienz analysiert. Sollte man Frauen aus zapatistischen Gemeinden

vorwer­fen, dass sie ein Alkoholverbot durchgesetzt haben, um nicht

ständig von ihren betrunkenen Männern verprügelt zu werden? Ist es

unverständlich, wenn Menschen, die bis heute von einer mestizischen

Dominanzgesellschaft wie Untermenschen behandelt werden, zuallererst

»Würde« fordern? Wahrscheinlich hilft in der Tat nur eins: »Runter

mit der Ethnobrille!« wie es Stefanie Kron formuliert (Jungle World,

5/06).


Pankow hat trotzdem Recht, wenn er den affirmativen Bezug auf

tradi­tio­nel­le Werte indigener Gemeinden infrage stellt. Noch immer

verteidigt man insbesondere in der globalisierungskritischen Bewegung

munter indianische »Sitten und Gebräuche«, die von demokratischen

Entscheidungs­prozessen oder gleichberechtigten

Geschlechterverhältnissen weiter entfernt sind als die schäbigste

bürgerliche Demokratie. Das subsistenzwirtschaftliche Schuften auf

der eigenen Scholle und der heimische Markt gelten als das gute

»Eigene«, das einer feindlichen »globalisierten Welt« gegenüber

steht. Das feindliche »Außen«, das Kultur- und Geschichtslose

repräsentieren – wie sollte es anders sein? – die USA.


Diese Wahrnehmung zieht sich quer durch den Kontinent. Wird sie nicht

in der Praxis konterkariert – wie durch die zapatistische Mischung

aus Moder­ne und Tradition –, ist es nicht verwunderlich, dass am

anderen Ende der Kette Leute wie der peruanische Ultranationalist

Ollanta Humala Tasso und dessen Kampf für die Wiederauferstehung des

Inkareichs stehen. Mit diesen identitären Vorstellungen lässt sich

noch die krudeste »Völkerfreundschaft« legitimieren.


Vorgemacht hat diese Verbrüderung in jüngster Zeit vor allem Hugo

Chávez. »Im Kampf gegen den Imperialismus, den Ko­lonialismus, das

Lakaientum und die Nachgiebigkeit« verbündete sich der

venezola­nische Präsident mit dem Iran Mahmoud Ahmadinejads und hebt

die »antiimperialistischen und revolutionären« Tugenden der beiden

»Völker« hervor. Dass diese internationale Solidarität im Gegensatz

zu den von der bolivarianischen Bewegung proklamier­ten

emanzipatorischen Zielen steht, spielt offenbar keine Rolle. Im

Gegenteil, man freut sich schon auf den bevorstehenden Be­such der

palästinensischen Hamas.


Es gibt gute Gründe, die »bolivarianische Revolution« zu verteidigen.

Warum aber neh­men internationale Unterstützer verschiedener Couleur

diese Allianz mit einem Klerikalfaschisten wie Ahmadinejad kritiklos

hin? Basiert diese Nähe »nur« auf dem manichäischen Weltbild, wie es


typisch für den Antiimperialismus ist und das die beiden ver­eint?

Die Tatsache, dass mit dem Argenti­nier Norberto Ceresole ein

ausgemachter Holocaust-Leugner zu den engsten Beratern von Chávez

zählte, sollte zu denken geben. Der mittlerweile verstorbene Ceresole

schrieb Texte über die »jüdische Frage« und »angebliche Gaskammern«,


die auf Neonazi-Webpages als Hintergrundmaterial dienen. Er baut auf

seine Erfahrungen mit dem argentinischen Peronismus.


In seinem 1999 veröffentlichten Text »Cau­dillo, Armee, Volk – ein

postdemokratisches Modell für Venezuela« plädiert er für das Prinzip


des autoritären Caudillismus, dessen Macht auf der direkten Beziehung

eines Führers zu den Massen beruht. Da es sich um eine eigenständige

lateinamerikanische Sache handle, sei dies kein Rückschritt, son­dern

eine Voraussetzung für eine gerechtere Verteilung des nationalen

Reichtums. Obwohl Chávez sich Ende der neunziger Jahre von dem

Faschis­ten getrennt hat, ist kaum zu verkennen, dass einige von

dessen Thesen weiterhin die Politik in Venezuela bestimmen: etwa die

zentrale Rolle des Militärs im zivilen Leben oder die ausgedehnte

Macht des Prä­sidenten und seine direkte Beziehung zu »seinem Volk«.


Diese Form von Regime ist in Latein­amerika nicht so neu, wie die

Freude vieler Linker über bolivarianische Gesundheitsstationen,

Alphabetisierungskampagnen oder Bildungsprojekte glau­ben lässt. In

verschiedenen Variationen haben Mexikos Lazaro Cardenas, Brasiliens

Getúlio Vargas und Argentiniens Perón versucht, soziale Bewegungen in

den Nationalstaat einzubinden, der immer auch totalitäre Aspekte

aufwies.


Andrés Pérez González unterscheidet innerhalb der

lateinamerikanischen Linken zwischen autoritären und libertären

Tendenzen (Jungle World, 6/06). Doch so sinnvoll dies klingt, ist es

dennoch zu vereinfacht. Denn antikapitalistisches Denken, das über

das tradi­tionelle antiimperialistische Schema nicht hinausreicht,

ist in »libertären« Kreisen ebenso zu finden wie in »autoritären«.


Dennoch wird es für die weitere Entwicklung von zentraler Bedeutung

sein, wie sich die verschiedenen Bewegungen zu den linken Zentren der

Macht stellen.


Chávez hat bereits auf dem Weltsozial­forum in Caracas im Januar

bewiesen, dass er es ernst meint. Sein Plädoyer für eine

»antiimperialistische Alternative für den Sozialismus« zielte

jedenfalls deutlich auf eine Einbindung der sozialen Bewegungen.

Dabei stößt der Präsident auf offene Ohren. Einige internationale

Größen der globalisierungskritischen Szene, beispielsweise Ignacio

Ramonet oder Emir Sader, fordern ohnehin, dass das Weltsozialforum

eine größere politische Effizienz erhalten müsse. Und was könnte

effektiver sein als die Beteiligung an der Staatsmacht?


Eindeutig anders haben sich die Zapatisten entschieden. Man wolle mit

der politischen Klasse nichts zu tun haben, ließ ihr Sprecher

Subcomandan­te Marcos zum Auftakt der »anderen Kam­pagne« wissen. In


dieser Frage jedenfalls setzen die Rebellen einen wichtigen

Kon­trapunkt. Sie wenden sich gegen eine Politik, die das Risiko in

sich trägt, dass emanzipatorische Prozesse in totalitären Strukturen

verenden. Und das mit gutem Grund, denn diese Erfahrungen haben Linke

oft genug gemacht.


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