Die Bücher:
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John Reed: Eine Revolutionsballade. Mexico
1914. Aus dem Englischen von Ernst Adler. Mit einem Essay von Hans
Christoph Buch, Illustrationen: José Guadalupe Posada. Eichborn
Verlag, Frankfurt 2005, 349 Seiten, 32 Euro.
Ricardo Flores Magón: Tierra y Libertad. Aus dem Spanischen von Renée
Steenbock. Herausgegeben und mit Anmerkungen von der Gruppe Basta,
Unrast Verlag, Münster 2005, 178 Seiten, 13 Euro.
Spürbare Nähe - John Reeds Reportagen aus der Kampfzone der
mexikanischen Revolution und eine Auswahl der Schriften des
anarchistischen Theoretikers Ricardo Flores Magón. VON KARIN CEBALLOS
BETANCUR
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Wenn es die Worte "Mexiko" und "Zapata" heute in die Schlagzeilen
deutscher Medien schaffen, hängt das meistens mit einer
Rebellengruppe im südlichen Bundesstaat Chiapas zusammen, die am 1.
Januar 1994 in San Cristóbal de las Casas den Aufstand gegen die
Regierung probte und damit den jahrhundertealten Forderungen der
überwiegend indigenen Landbevölkerung Ausdruck verlieh: Tierra y
libertad! Land und Freiheit! In ihrem Kampf berufen sich die EZLN
(Ejército Zapatista de Liberación Nacional) und ihre Anhänger
namentlich auf den legendären mexikanischen Revolutionshelden
Emiliano Zapata, einen einfachen Bauern, der sich 1910 den Rebellen
angeschlossen hatte, die antraten, das Regime des Diktators Porfirio
Díaz zu stürzen.
Der Kampf der Rebellen liegt heute rund hundert Jahre zurück, und die
Partei, die angetreten war, ihre Errungenschaften im Alltag zu
verankern, die PRI, scheiterte, versank in einem Sumpf aus
Korruption, bis sie bei den Präsidentschaftswahlen im Jahr 2000
schließlich abgewählt wurde.
In Vergessenheit geraten ist auch einer der wenigen westlichen
Chronisten dieser Revolution, einer, der nicht wie die meisten seiner
Kollegen von den Bartheken mexikanischer Cantinas aus berichtete,
sondern direkt von der Front, aus der Mitte des Geschehens, ein Vater
des embedded journalism gewissermaßen, im positiven Sinne. Der US-
Amerikaner John Reed, später Mitbegründer der Kommunistischen Partei
der USA, war 26 Jahre alt, als er 1913 als Reporter der New Yorker
Zeitschrift Metropolitan nach Süden reiste, um über den Fortgang des
mexikanischen Bürgerkriegs zu berichten.
Sympathie für Ideale der Rebellen
Seine Reportagen, die ein Jahr später erstmals als Buch unter dem
Titel Insurgent Mexico erschienen, hat der Eichborn-Verlag jetzt neu
aufgelegt. Das Buch ist versehen mit einer glänzenden Einführung von
Hans Christoph Buch, die einen guten Einstieg in Leben und Werk Reeds
bietet, und einem Nachwort, in dem es Buch gelingt, das komplexe
mexikanische Geschehen zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf wenigen
Seiten zu skizzieren.
Die Bücher
Reeds Revolutionsballade ist der Bericht eines jungen Reporters, der
mit den Idealen der Aufständischen sympathisiert, ohne sich von ihnen
vereinnahmen zu lassen, wenn auch seine Nähe stets spürbar bleibt.
Sein Porträt Francisco Villas ist ein Meisterwerk, und wenn das nicht
schon genug der sprachlichen Klischees wäre, könnte man getrost noch
oben drauf setzen, dass ihm mit seinen Worten gelingt, dem
Rebellenführer aus einem Jahrhundert Distanz heraus eine Lebendigkeit
zu verleihen, die in merkwürdigem Gegensatz zu den bekannten
zeitgenössischen, sepiastarren Fotografien steht.
Natürlich kommt sein Bericht aus den Schützengräben, die er selbst
oft beinahe nicht mehr lebend verlassen hätte, nicht ganz ohne Pathos
aus, und so fängt der Kopf unweigerlich das Schütteln an, wenn es
heißt: ",Kommt, Compañeros! Hinaus, erwürgen wir sie mit den bloßen
Händen, diese verdammten Colorados!' schrie ein anderer. Fünf von
ihnen gaben den Pferden die Sporen und sprengten wild fluchend zur
Puerta, ohne Waffen, ohne Hoffnung. Es war großartig." Aber nie
weicht dem Leser dabei das wohlwollende Lächeln aus dem Gesicht, was
unter anderem an Passagen wie der folgenden liegen mag: "Ich wusste,
dass ich Antonio für die Fahrt mindestens zehn Pesos zu bezahlen
hatte, und außerdem war er ein Araber. Als ich ihm jedoch Geld anbot,
schlang er die Arme um mich und brach in Tränen aus … Gott segne
dich, du prachtvoller Araber. Du hast Recht. Das Geschäft geht besser
in Mexico."
Man kann es fast als Markenzeichen berühmter Journalisten jener
Epoche betrachten, dass das Werk eines jeden einzelnen von ihnen
früher oder später eine heftige Diskussion über die Authentizität
ihrer Schilderungen ausgelöst hat. Und natürlich würde man mit der
Rezeptionshaltung fehl gehen, Reed habe in seinem Bericht säuberlich
Fakt an Fakt gereiht ohne an der Chronologie zu drehen,
möglicherweise hat er mitunter auch ein paar Details oder Figuren
dazu erfunden, wobei einige seiner "Fälschungen" dem Umstand
geschuldet sein dürften, dass Reed über äußerst dürftige
Spanischkenntnisse verfügte, als er den Rio Grande überquerte (auch
das ein mutiger Akt - in einem Bürgerkrieg möchte man gerne
verstehen, wenn jemand "corre, cabrón, corre" ruft).
In wissenschaftlich-historischer Hinsicht können diese Abweichungen
von Interesse sein. Für die Wirkmacht seiner Schilderungen, die
Wahrhaftigkeit seiner sozialgesellschaftlichen Tableaus, ist es
unwichtig.
Literarische Wahrheit
Das berühmte Zitat des Reporters Egon Erwin Kisch, "Nichts ist
erregender als die Wahrheit", wurde lange als Plädoyer für
Faktentreue fehlinterpretiert, während es gerade Kisch, einem der
großen journalistischen Romanciers, bei der "Wahrheit" schon immer um
eine politisch geprägte Kategorie ging, die mit dem
ärmelschonerhaften Anspruch auf eine vermeintlich herstellbare
Objektivität wenig zu tun hat.
Wem die literarischen Reportagen Reeds dennoch nicht nahe genug an
den historischen Fakten liegen, wer sich eingehender mit der
mexikanischen Revolution beschäftigen möchte, dem sei Band 11 der
"Klassiker der Sozialrevolte" vom Unrast-Verlag dringend anempfohlen.
Mitglieder der Polit-Gruppe B.A.S.T.A. haben eine Auswahl von Texten
eines der wichtigen anarchistischen Theoretiker der mexikanischen
Revolution, Ricardo Flores Magón, zusammengestellt, versehen mit
zahlreichen Erläuterungen und Begleittexten - hilfreich auch für das
Verständnis aktueller politischer Zusammenhänge in Mexiko.
Am Schluss noch ein ziemlich bürgerlich-ästhetisches Lob für die
wunderschöne Eichborn-Edition der Revolutionsballade. Zwar zeichnen
sich die Bücher der Anderen Bibliothek immer durch eine
anspruchsvolle Gestaltung aus, aber der grüne Band mit schwarzem
Schnitt und rotem Lesebändchen und den fantastischen Illustrationen
von José Guadalupe Posada, dieser Band ist schon etwas ganz besonders
Feines.
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Copyright © Frankfurter Rundschau online 2006
Dokument erstellt am 14.03.2006 um 16:00:48 Uhr
Erscheinungsdatum 15.03.2006
Die Morde am Rio Grande
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Das Töten nimmt keine Ende: Allein 2005 wurden 35 Frauenmorde in
Ciudad Juárez gezählt und damit die höchste Zahl seit Beginn der
Tötungsserie in dieser mexikanischen Stadt. Insgesamt starben seit
Mitte der 90er Jahre dort mehr als 400 Frauen, Hunderte werden
vermisst. Sergio Dante Almaraz Mora (Bild) kämpfte als Anwalt und
Chef der Convergencia Partei für die Aufklärung der Morde und wurde
selbst getötet. eh
Letzte Worte - Sergio Dante kämpfte für die Aufklärung der
Frauenmorde von Juárez und wurde damit selbst zum Ziel der Killer.
VON ERIKA HARZER
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Er hatte es befürchtet. Schon länger wusste Sergio Dante Almaraz
Mora, dass er auf einer Schwarzen Liste steht und es nur eine Frage
der Zeit sein würde. Entsprechend ernsthafte Morddrohungen gab es
genug. Schon im Februar 2003 empfahl die Interamerikanische
Menschenrechtsorganisation den örtlichen Autoritäten, dem Anwalt
Sergio Dante Almaraz Mora Polizeischutz zu gewähren. Er bekam ihn
nicht.
Wie sooft fuhr Sergio Dante Almaraz Mora auch am 25. Januar dieses
Jahres mit seinem Wagen durch die mexikanische Stadt Ciudad Juárez.
Unweit der Stadtverwaltung schloss ein Auto zu ihm auf. Die Insassen
feuerten durch die Fenster. Von neun Kugeln wurde Sergio Dante
Almaraz Mora getroffen und starb.
Im Herbst 2003 war er einer unserer Interviewpartner in der
Wüstenstadt Ciudad Juárez, der Grenzort zwischen Mexiko und den USA,
einer aus den Fugen geratenen Stadt, einer Stadt, in der Frauen
gefährlicher leben als anderswo. Hunderte Frauen und Mädchen sind
dort seit Mitte der 90er Jahre verschwunden oder getötet worden.
Darüber wollten wir mehr wissen. Sergio Dante holte uns damals in
seinem schrottreifen Pritschenwagen ab, und wir fuhren gemeinsam
zum Treffpunkt für das Interview. Als er auf uns zukam, waren wir uns
zunächst unsicher, ob er der mit uns verabredete Anwalt ist oder
einer der Männer, von denen wir gewarnt worden waren. Seine
Cowboystiefel und Sonnenbrille verunsicherten allerdings nur kurz.
Seine Worte waren eindeutig:
"Nach meiner Einschätzung müssen es Leute mit Einfluss sein, die hier
die Mädchen entführen und sie für alle möglichen sexuellen
Grausamkeiten ausnutzen und sie dann, wenn sie ihnen nichts mehr
bedeuten, wenn sie alles aus ihnen rausgeholt haben, umbringen. Es
ist schon passiert, dass der Leichnam eines Mädchens angezogen war
mit Kleidungsstücken einer anderen Entführten. Das spricht dafür,
dass mehrere Mädchen an dem gleichen Ort gehalten wurden. An einem
hygienischen Ort, der alle gewünschten sexuellen Spielchen
ermöglicht. Ein Ort, an dem die Schreie nicht auffallen,
weitläufige Ranches. Weder beim Verschleppen der Mädchen noch beim
Wegwerfen der Leichen gibt es Zeugen. Drei Leichen wurden an einem
gesicherten Ort abgelegt, zu dem nur Streifenwagen unkontrollierten
Zugang haben. Es ist naheliegend, dass die Obrigkeit verwickelt ist.
Ich sage nicht, dass die Regierung als solche verwickelt ist, aber es
sind Leute, die auf Grund der Immunität ihres Amtes in der Lage sind,
sich überall problemlos zu bewegen."
Sergio Dante kämpfte für die Aufklärung der Frauenmorde in Ciudad
Juárez und die Möglichkeit, sich damit selbst zur Zielscheibe für
beauftragte Killer zu exponieren, hielt ihn nicht zurück. In aller
Deutlichkeit benannte er die Versuche, die Morde an den Frauen von
Ciudad Juárez nicht aufklären zu wollen. Detailliert beschrieb er die
Vertuschungsarbeiten der Ermittlungsbehörden. Anstatt Spuren zu
sichern, wurden diese verwischt oder unkenntlich gemacht, Zeugen
wurden nicht befragt. Und der Anwalt ließ keine Gelegenheit aus, die
Verantwortung für diesen rechtsfreien Raum der politischen
Antihaltung der Regierung des Bundesstaates Chihuahua
zuzuschreiben:
"Was hier seitens der Polizei gemacht wird, entbehrt jeder
ermittlungstechnischen Erkenntnisse. Wenn sie es braucht, verhaftet
die Polizei zwei oder drei Individuen, foltert sie brutal über einige
Tage, bevor sie diese dann der Öffentlichkeit mit den Foltermerkmalen
präsentiert, mit verbrannten Genitalien, blutigen Beinen und
Anzeichen von angewandten Elektroschocks. Der staatliche
Justizapparat ist völlig abhängig von der Regierung. Hier im
Bundesstaat Chihuahua fürchten sich die Richter und Staatsanwälte
extrem vor der politischen Macht des Gouverneurs. Hier in Chihuahua
ist der Gouverneur gottähnlich, er benennt und enthebt seine Leute
nach Lust und Laune. Er verfügt über die absolute Macht im Land. Hier
gibt es keine Gewaltenteilung."
Juárez ist eine mitten in unendlich ausgedehnte Sandwüsten
hineingepflanzte Stadt, deren Grenzfluss Rio Grande nicht nur für die
Grenze zwischen zwei Ländern, sondern für die Grenze zwischen Welten
steht. Nach Norden sichert eine hochmoderne Grenzbefestigung den
Zugang zum Nachbarland USA. Das Stadtzentrum bietet Unterhaltung,
Bars, Bordelle, Spiel- und Tanzsalons für die Tagesausflügler aus dem
texanischen El Paso im Norden. Ansonsten ist es die Stadt der
Maquilas, der Fabrikhallen in Freihandelszonen, der
Billiglohnarbeitsplätze für tausende Frauen. Die Stadt wirbt damit,
dass in ihren Fabriken alle drei Sekunden ein Fernseher und alle
sieben Sekunden ein Computer hergestellt wird. In mehr als 400 Hallen
arbeiten schätzungsweise 230 000 Menschen - mehr als die Hälfte sind
Frauen. Aus allen Regionen Mexikos kommen junge Frauen, um hier ihr
Glück zu suchen. Sie setzen in Neun-Stunden-Schichten
mikroelektronische Teile zusammen für Datenverarbeitung, Medizin und
Militärindustrie. Fabrikeigene Busse karren sie täglich aus den
Randvierteln der Stadt in die Hallen und zurück. An den Haltestellen
oder von den Fußwegen sind immer wieder Frauen verschleppt
worden. Für Sergio Dante gab es dabei etliche Auffälligkeiten:
"Es ist wahr, hier in Ciudad Juárez agiert eine kriminelle, eine
furchtbar sadistische Bande. Sicher, die Regierung sagt zu Recht,
einige der Frauen sind von ihren Ehemännern umgebracht worden. Aber
bei ungefähr 100 bis 150 Frauen gibt es verdächtige Anzeichen auf
Serienmorde. Fast alle wurden erwürgt, fast alle waren dünne Frauen
mit langen, dunklen Haaren. Sie wurden sexuell gefoltert, bevor sie
ermordet wurden. Ihre Hände waren mit Schnürsenkeln am Rücken
gefesselt, und ihre Schuhe neben dem Leichnam abgestellt. Ihre
Leichen wurden mit zum V geformten offenen Beinen abgelegt,
so als ob ihre Mörder den letzten Blick auf ihre Genitalien richten
wollten, bevor sie sich zurückzogen."
Sergio Dante wollte, dass die wahren Täter zur Verantwortung gezogen
werden und nicht irgendwelche mit Folterungen gebrochene
Vorzeigeschuldigen. Aus diesem Grund übernahm er gemeinsam mit seinem
Kollegen Mario Escobedo Anaya die Verteidigung zweier Busfahrer, die
des Mordes an acht jungen Mädchen angeklagt waren. Sein Kollege wurde
bereits im Februar 2002 erschossen, an dem Tag, an dem er Beweisfotos
abholte, auf denen sein Mandant, der Angeklagte Gustavo Gonzáles, mit
Folterspuren zu sehen war. Getötet wurde der Anwalt von Polizisten,
die ihn angeblich verwechselt hatten. Von den zwei Anwälten und zwei
Angeklagten des Verfahrens hat nur einer bis heute überlebt. Nach der
Ermordung des Anwalts Mario Escobedos starb bald darauf dessen
Mandant Gustavo Gonzáles unter dubiosen Umständen bei einer
Operation. Der zweite Angeklagte, Víctor García Uribe, ist heute
wieder frei. Sergio Dante konnte dessen Unschuld nachweisen.
Sergio Dantes Angehörige, seine Frau und seine fünf Kinder, haben
jetzt nach seinem Tod das Land verlassen, auch sie wurden bedroht.
Ihre Sicherheit war in Ciudad Juárez nicht mehr gewährleistet, in
dieser Stadt, über die Sergio Dante sagte:
"Sie hat den Ausverkauf an die Drogenmafia erfahren. Diese Stadt ist
eng verwoben mit dem Drogenhandel, hier ist einer der größten
Umschlagplätze. Und unsere Stadt wird von diesen Leuten beherrscht,
sie bestimmen, was hier passiert, wer was zu sagen hat und wer
verschwinden muss."
Am 2. März 2006 erklärte der Anwalt Pedro Díaz Luna, dass er von
Agenten der städtischen Polizei unter Druck gesetzt werde. Er solle
gefälligst die Ermittlungen über den Mord an Sergio Dante Almaraz
Mora einstellen, habe man ihm zu verstehen gegeben.
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Copyright © Frankfurter Rundschau online 2006
Dokument erstellt am 21.03.2006 um 16:57:59 Uhr
Erscheinungsdatum 22.03.2006