Unheimliches Schweigen

Mordserie an jungen Frauen in mexikanischer Grenzstadt.


Von Andreas Henrichs, Ciudad Juárez


Noch in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts war Ciudad

Juárez ein verlassenes Nest in der Wüste Chihuahuas. Bars,

Restaurants, billige Lebensmittelgeschäfte säumten die staubigen

Straßen. Angelockt durch den "amerikanischen Traum" strömten immer

mehr Menschen in die Stadt am Rio Bravo. Ein besseres Leben in den

USA schien hier zum Greifen nah. Der Ausbau des Flusses zu einer

Grenzanlage machte diesen Hoffnungen ein Ende. Ohne Geld und gültige

Papiere wurde der "Tortilla-Vorhang" unüberwindbar.

Viele Menschen blieben in der Stadt. Sie fanden Arbeit in den

Fabriken ausländischer Investoren, den sogenannten maquilas. Die

maquilas beschäftigten vorwiegend Frauen zu prekären Bedingungen. Die

Nichtbeachtung von Beschäftigtenrechten war - und ist - Teil der

mexikanischen Standortpolitik. Die Fabriken, einst als Motor für die

Entwicklung der ganzen Region gepriesen, wurden diesen Erwartungen

nicht gerecht. In vielen Stadtvierteln sind die Straßen ungeteert,

haben nachts keine Beleuchtung. Fließendes Wasser und ein

Stromanschluß sind die Ausnahme. Es fehlen

Kinderbetreuungseinrichtungen und ein sicherer Personennahverkehr.

Die Berufstätigkeit der Frauen veränderte das soziale Gefüge einer

männerdominierten Gesellschaft. In der Folge stieg die Zahl

häuslicher Gewalttaten drastisch an. Parallel zu dieser Entwicklung

begann 1993 der sogenannte feminicidio, die systematische Ermordung,

Folterung, Vergewaltigung und das Verschwindenlassen junger Frauen.

Fast alle Opfer hatten lange Haare und eine dunkle Hautfarbe, waren

Arbeiterinnen in den maquilas. Ihre Leichname warf man auf die Straße

oder brachliegende Grundstücke. Kein einziger dieser Fälle ist bis

heute aufgeklärt.

Mexikanische und internationale Menschenrechtsorganisationen gehen

mittlerweile von 400 Morden und 4 456 verschwundenen Frauen aus. Die

mexikanische Regierung nennt viel niedrigere Zahlen. Angeblich sind

70 Prozent aller Fälle aufgeklärt. Sie hätten ihre Ursache in

"innerfamiliären Konflikten". Der Rest der Verbrechen betrifft nach

Aussagen der Landesstaatsanwältin Patricia Gonzales vor allem junge

Frauen aus dem Drogen- und Prostituiertenmilieu, die somit selbst die

Schuld an ihrem Schicksal trügen. Die Existenz des feminicidio wird

schlicht abgestritten. Eine große Mehrheit der Bevölkerung in Ciudad

Juárez teilt diese Ansicht. Die lokale Presse,

Unternehmerverbände und die katholische Kirche spielen die Morde

herunter, sorgen sich um das "beschmutzte" Image der Stadt.

Die Angehörigen der Opfer haben sich in der Organisation NHRC

(Nuestras Hijas de Regreso a Casa - Unsere Töchter sollen nach Hause

zurückkehren) zusammengeschlossen. Sie wollen das öffentliche

Schweigen, das die Straflosigkeit der Täter erst möglich macht,

brechen und fordern ein Ende des Horrors. In ihrer Heimatstadt werden

sie dafür angefeindet und bedroht.

Es scheint, als habe der mexikanische Staat die Kontrolle über die

nördlichen Grenzregionen verloren. Die neuen Herrscher der Ciudad

Juárez, Unternehmer, Politiker, Drogenbosse und Angehörige der

gesellschaftlichen Oberschicht, haben sich zu mafiaähnlichen

Verbindungen zusammengeschlossen. Sie sind eng mit dem Polizei- und

Justizapparat verflochten. Diesem Umfeld entstammen mit großer

Wahrscheinlichkeit auch die Urheber der Serienmorde.

Die brasilianische Anthropologin Rita Lauro Segato hat das Verbrechen

des feminicidio in Ciudad Juárez wissenschaftlich untersucht. Sie

bezeichnet die Morde nicht nur als einen perversen Akt männlicher

Dominanz, sie dienten auch als Aufnahmerituale in die kriminellen

Gemeinschaften. Auf einer zweiten Ebene kommunizieren die Täter durch

die Morde mit rivalisierenden Gruppen und der mexikanischen

Gesellschaft. Mit jedem Verbrechen festigen sie ihren Machtanspruch,

der nur durch immer neue Morde bestätigt werden kann.