Information und Aufruf zu einer Eilaktion



Liebe Leute,


nicht wenige von Euch kennen Estela García Ramírez, ihr Schicksal und ihren

Kampf. Sie hat sich wegen der für sie bedrohlichen Situation in Oaxaca im

Jahr 2002 längere Zeit in Dänemark, Deutschland und Spanien aufgehalten.


Am 24. April 1997 wurde der zapotekische Campesino Celerino Jiménez Almaráz,

26, nachts von einer Horde Polizisten (judiciales) im Haus seiner

Schwiegereltern aus dem Bett gerissen, halbtot geprügelt und verschleppt.

Seine junge Frau, Estela, fand ihn am nächsten Tag, am ganzen Körper von

abscheulichen Folterungen entstellt und von Einschüssen durchlöchert. Seit

diesem Tag hat Estela ihre Familie und ihr Dorf verlassen. Sie hat unter

hohen Risiken und ständiger Behelligung um Gerechtigkeit gekämpft: um die

Bestrafung der Täter und darüber hinaus, mit vielen anderen Frauen aus der

Gegend Loxicha, um die Freilassung der politischen Gefangenen und um ein

Leben ihres Volkes ohne Angst und Einmischung von außen. Die scheue

Zapotekin ist dabei zu einer Sprecherin des organisierten Widerstandes

geworden.


Der Hauptakteur des Mordanschlages, Lucio Vásquez, wurde wenig später

Landrat (presidente municipal). Erst 2001 wurde er festgenommen. Im

Februar 2003 hat die Interamerikanische Menschenrechtskommission den Fall

Celerino zur Behandlung zugelassen. Die juristische Begleitung wurde von der

Comisión Mexicana de Defensa y Promoción de los Derechos Humanos (CMDPDH)

übernommen. Mit großer Erleichterung haben wir kurz vor Weihnachten 2004

erfahren, dass Lucio Vásquez vom Richter des Segundo Penal del Distrito

Judicial del Centro von Oaxaca zu 40 Jahren Gefängnis verurteilt wurde.

Dieses Urteil wurde im folgenden Jahr vom Tribunal Superior bestätigt. Auch

dann noch hatte Estela als Hauptzeugin Nachstellungen des Anhanges von Lucio

Vásquez zu befürchten. Im April 2005 haben wir in einer Protestaktion, die

von vielen Organisationen und Personen in Dänemark, der Schweiz, Spanien und

Deutschland unterstützt wurde, gefordert, dass Estelas Sicherheit

gewährleistet und dass auch gegen die Mittäter vorgegangen werde.


Umso bestürzter sind wir, dass der Täter im Dezember 2005 wegen Formfehlern

im Verfahren einen sog. “amparo directo” erwirkt hat, der ihm die

Möglichkeit gibt, neue Beweise zu präsentieren; Beweise für seine alte

Schutzbehauptung, es habe sich damals um eine bewaffnete Auseinandersetzung

mit Guerrilleros gehandelt. Eine weitere Entscheidung im Februar 2006

scheint darauf hinaus zu laufen, dass das gesamte Verfahren wieder eröffnet

wird und die Vernehmungen, einschließlich des Lokaltermins, wiederholt

werden. Man kann sich vorstellen, was das nach bereits 9 Jahren Kampf und

Bedrohung von Estela und ihrer Familie für sie bedeutet. Es ist zudem zu

befürchten, dass der Anhang von Lucio Vásquez bei Gericht bereits so

gründliche "Vorarbeit" geleistet hat, dass sogar mit einem Freispruch und

einer Aufhebung der für Oaxaca geradezu sensationellen Verurteilung vom 14.

12. 2004 gerechnet werden muss. Wenn es Lucio Vásquez gelänge, sich durch

die Hintertür seiner Bestrafung zu entziehen, könnte Estela nicht mehr ihres

Lebens sicher sein. Vollends ausgeschlossen wäre, dass seine Mittäter

strafrechlich zur Verantwortung gezogen würden.


Wir bitten Euch deshalb, Euch unserer Eilaktion anzuschließen und die

juristischen Instanzen mit Briefen, Faxen oder emails zu “bombardieren”,

damit ihnen bewusst bleibt, dass das Verfahren unter den Augen einer

internationalen Öffentlichkeit stattfindet und keine Chance besteht, es, wie

so oft in Mexiko, “unter der Hand” zu regeln.


Ihr erhaltet einen Musterbrief auf Spanisch, die deutsche Übersetzung und

die Adressen. Wir stehen Euch gern für weitere Informationen zur Verfügung.



Nicola Philipp


für das Ökumenische Büro für Frieden und Gerechtigkeit, München


Harald Ihmig

für KIOS, Hamburg