Gewalt in Atenco: Tote, Verletzte und Gefängnis

von John Gibler, Global Exchange
6. Mai 2006

San Salvador Atenco, Mexiko - Am letzten Mittwoch, den 3. Mai, 2006, gegen
7:00 Uhr morgens, hielt die Staatspolizei 60 Blumenhändler davon ab, ihre
Verkaufsstände auf dem Marktplatz von Texcoco, Bundesstaat México
aufzustellen, etwa 20 Meilen östlich von Mexiko Stadt. Die Polizei
verprügelte und verhaftete alle, die Widerstand leisteten. Die Blumenhändler
ersuchten die Bewohner des benachbarten San Salvador Atenco um Hilfe, und
die Atenco Bewohner blockierten die Strasse, die an ihrer Stadt vorbei nach
Texcoco führt.

Die Reaktion der Polizei war überwältigend: Hunderte Kräfte der Staats- und
Bundespolizei, die meisten in Sturmpanzerung, traten an um die Blockade
aufzulösen. Atenco leistete Widerstand, mit Macheten, Knüppel, und Molotow
Cocktails. Die Polizei versuchte an diesem Tag fünf mal die Blockade zu
brechen, und wurden fünf mal abgewehrt.

Der Gewaltpegel war extrem. Bilder aus lokalen Zeitungen zeigen Atenco
Demonstranten, die einen gestürzten Polizisten verprügeln, Polizisten, die
duzende gefallene Demonstranten verprügelnd. Brutale Schläge. Protestierende
treten einem gestürzten Polizisten ins Gesicht, Polizeigruppen pulverisieren
Demonstranten mit Steinen und Handknüppel.

Die Polizei griff auch Fotografen an, sowohl von der nationalen als auch der
internationalen Presse. Fotografen und Kameraleute von Associated Press,
Reuters, Milenio, Jornada und Televisa berichteten alle von Schlägen und
Versuchen, Kameras zu beschlagnahmen. Bilder und Filmaufnahmen der Prügel
wurden im Internet veröffentlicht und im nationalen Fernsehen gezeigt.
Lokale und internationale Nachrichten erwähnten jedoch die systematische
Gewaltanwendung der Polizei gegen Reporter mit keinem Wort.

Insgesamt wurden am Mittwoch mehr als 50 Personen verletzt und 100 von der
Polizei festgenommen. Die Demonstranten nahmen 11 Polizisten als Geisel,
übergaben sie aber später am Tag dem Roten Kreuz. Ein 14-jähriger Junge
wurde am Nachmittag in die Brust angeschossen und getötet. Die lokale Presse
berichtete, der Junge sei von einem Projektil der Demonstranten getroffen
worden, aber die Todesurkunde sagt etwas anderes: Kugelwunde in die Brust.

Atenco ist in ganz Mexiko dafür berühmt, in 2002 gegen die Zwangsräumung
ihrer Gemeinde Widerstand geleistet zu haben, die für den Bau eines neuen
Flughafens für Mexiko Stadt weichen sollte. Dorfbewohner, größtenteils
Kleinbauern, bildeten die Volksfront zur Verteidigung des Landes (Frente del
Pueblo en Defensa de La Tierra) und wurden zum machetenschwingenden Symbol
des Volksprotestes in Mexiko.

Organisatoren der Volksfont nahmen an mehrere Treffen der zapatistischen
Anderen Kampagne teil, und luden Subcomandante Marcos nach Atenco ein. Bei
diesem Besuch versprach Marcos, die Zapatistische Armee der Nationalen
Befreiung würde sich mit dem Kampf von Atenco verbünden. Die Atenco Front,
mit Macheten in der Hand, waren am 1. Mai für Marcos' Sicherheit bei dem
Marsch zum Tag der Arbeit auf dem Zocalo von Mexiko Stadt verantwortlich, wo
der Anführer der Frente, Ignaco Del Valle vor Zehntausenden versammelten
Menschen eine Rede hielt.

Zwei Tage später stürmte die Polizei das Haus, in dem er sich seit dem
Angriff in Texcoco versteckt hatte. Zu diesem Zeitpunkt befand sich der
Kameramann von Televisa außerhalb des Hauses, und filmte die
Polizeioperation, als sich ihm fünf Polizisten näherten, und wiederholt mit
Knüppeln auf ihn einschlugen. Aufgrund dessen gibt es von dem Polizeiangriff
keine Filmaufnahme.

Mehrere Pressefotografen konnten jedoch einige Stunden später Del Valles
Ankunft im Gefängnis in dieser Nacht fotografieren. Er wurde von einem
maskierten Polizisten im Schwitzkasten geschleppt, der auf den Bildern den
Fotografen Zeichen gibt, den Ort zu verlassen. Ein weiterer maskierter
Polizist kam hinterher, und hielt Del Valles Rücken. Die zwei maskierten
Offiziere schleppten Del Valle durch ein Korridor von Hunderte gepanzerte
Polizisten mit Helmen und Schilden. Del Valles Kopf ist auf den Bildern von
einem Handtuch bedeckt, aber sein blutbeschmiertes angeschwollenes Gesicht
ist teilweise sichtbar. Ebenfalls sichtbar ist ein faustgroßer Blutfleck im
Schritt seiner Jeans, das von wiederholten Tritte in seine Genitalien
Zeugnis trägt.

Am folgenden Tag, Donnerstag, 4. Mai, wachte Mexiko zu den blutigen Bildern
der Gewalt vom gestrigen Tag auf. Atenco erwachte unter einer
Polizeibelagerung, die zu weiteren Hunderte Verletzten und Festgenommenen
führte.

Gegen 6:30 Uhr wurde Atenco von mehr als 3000 Polizisten umzingelt, die
einstürmten, die Strassen füllten, und alle in ihrem Weg mit Knüppel und
Tränengas niedermähten, sowohl um zu verwirren als auch um zu töten.
Mehreren Demonstranten wurden aus nächster Nähe mit metallenen Gaspatronen
von drei Zoll Länge in den Kopf geschossen.

Innerhalb von zwei Stunden hatte die Polizei Atenco eingenommen.

Dann fing der Terror an. Die Polizei stürmte von Haus zu Haus, brach Fenster
und Türen ein, zerrten Menschen auf die Strasse, verprügelten sie und
pferchten sie in Polizeifahrzeuge und Lastwagen ein. Die Polizei hatte eine
maskierte Person in Zivilkleidung dabei, die auf die Häuser wies, die
gestürmt werden sollten. Mehrere Personen, die auf Veranstaltungen der
Anderen Kampagne im Mexiko Stadt als Sprecher aufgetreten waren, wurden
abgesondert und verprügelt. Eine Frau, die am 1. Mai auf dem Zocalo von
Mexiko Stadt gesprochen hatte, wurde auf die Strasse gezerrt und mehrmals in
den Unterleib getreten.

Die Polizeigewalt am Donnerstag war wahllos. Sowohl Reporter der
Massenmedien als auch der alternativen Presse wurden angegriffen. Mehrere
Mitglieder der Karawane, die die Andere Kampagne quer durchs Land begleitet,
wurden verprügelt und verhaftet.

Samantha Dietmar, eine junge deutsche Fotografin, die die Andere Kampagne
seit Januar begleitet hat, wurde im Eingang ihres Hotels ergriffen, ins
Gesicht geschlagen und in ein Lastwagen geworfen. Eine Nachbarin, die Zeugin
des Angriffes wurde fragte die Polizei weshalb sie fortgeführt wurde: "Was
hatte sie getan?" Der Polizist antwortete der Frau: "Sie hat alles getan,
was ich sage, dass sie getan hat."

Dietmar wurde in ein Frauengefängnis am Rand von Mexiko Stadt gebracht. Ein
Menschenrechtsanwalt, der mit ihr sprechen konnte, berichtet, sie hätte
infolge des Tränengases an starke Schmerzen in den Augen gelitten, und sei
im Gesicht und am ganzen Körper verprügelt worden. Dietmar wird
höchstwahrscheinlich deportiert werden.

Der gleiche Anwalt berichtet, dass fünf Frauen unterwegs zum Gefängnis, in
den Polizeifahrzeugen vergewaltigt worden sind.

Zwischen 100-200 Menschen wurden festgenommen, aber nur 109 wurden von der
Polizei anerkannt. Im Internet kursiert eine Liste, die aus Zeugenberichten
zusammengestellt worden ist, und von 275 Verhafteten berichtet. Mindestens
18 Personen werden vermisst.

Hunderte Menschen suchten in Häusern in der ganzen Haus Zuflucht. In einem
Haus waren 23 Personen in einem Raum von 12 x 12 Fuß zusammengepfercht.
Außerhalb des Verstecks lag Alexis Benhumea, ein 20-jähriger
Wirtschaftsstudent aus Mexiko Stadt, 12 Stunden lang bewusstlos am Boden.
Kurz nach 6:30 Uhr wurde er am Kopf angeschossen, vermutlich mit einer
Gaspatrone. Der Schuss brach sein Schädel an zwei Stellen auf, und legte das
Gehirn frei.

Alexis wurde von seinem Vater und zwei Freunde in ein Haus getragen. Einer
der Demonstranten, die sich im Haus versteckten, improvisierte ein Verband
für die Wunde, um die Blutung zu stoppen. Die dicke Bandage war bis
Nachmittag Blutgetränkt. Alexis' Vater und die Menschen, die sich im Haus
versteckten fürchteten so um ihr Leben, und um das von Alexis, dass sie es
nicht wagten das Versteck zu verlassen. Tatsächlich blockierten Staats- und
Bundespolizei vor dem Haus beide Enden der Strassen, und patrouillierten
unablässig die Strasse rauf und runter.

"Ich war sicher, dass sie ihn töten und seine Leiche irgendwo abwerfen
würden, wenn ich versuchte rauszugehen um ärztliche Hilfe zu beschaffen",
erzählt Angel Benhumea, der Vater von Alexis. "Ich glaubte nicht, dass er es
schaffen würde."

Nachdem sie sich per Mobiltelefon mit Freunde in Mexiko Stadt koordiniert
hatten, gelang es einigen Korrespondenten von Indymedia Chiapas ein
Taxi-Minibus zu mieten (die in Mexiko eher wie öffentliche Busse als wie
individuelle Taxis arbeiten), um eine Rettungsaktion durchzuführen, und
brachten Alexis und seinen Vater in ein ca. 40 Minuten weit entferntes
Krankenhaus, im Osten von Mexiko Stadt zu bringen. Alexis kam dort lebend
an, und überlebte vier Stunden intensiver Gehirnchirurgie: Innere Blutungen
hatten 30 Prozent seines Gehirns gefüllt. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist
Alexis' Zustand immer noch kritisch, und das Ausmaß des Gehirnschadens ist
unbekannt.

Alexis Benhumea wurde zwei mal angegriffen: einmal durch die Patrone, die
sein Schädel durchschlug, und ein weiteres Mal durch die Polizeibelagerung,
die es seiner Familie unmöglich machte ärztliche Hilfe zu suchen.

Gegend Mittag war Atenco eine besetzte Stadt. Brandspuren und zerbrochenes
Glas, Tausende wachenstehende Polizisten, die in Türen lehnten, auf den
Stufen herumlagen, im Schatten des zentralen Platzes schliefen. Aber das
Klima blieb angespannt. Als ich durch das Autofenster eine Gruppe Polizisten
fotografierte, drehte sich einer um und lud eine Gaspatrone in sein Gewehr,
hatte aber keine Zeit zu feuern.

Gegen 17:30 Uhr hoben Staats- und Bundespolizei ihre Belagerung auf, stiegen
in ihre Trucks und fuhr davon

Am Donnerstag Abend riefen die Zapatistische Armee der Nationalen Befreiung
und lokale Arbeiter- und Studentenorganisationen zu einem Marsch auf, der am
Freitag, um 16:00 Uhr von der Universität von Chapingo nach Atenco führen
sollte.

Um 16:00 Uhr erreichte Marcos die Universität, nachdem er das Haus in Mexiko
Stadt verlassen hatte, das seit Mittwoch Abend von Polizei und Bundesagenten
des Nachrichtendienstes umzingelt gewesen war. Etwa 1000 Menschen hatten
sich zum Zeitpunkt seiner Ankunft bereits für den Marsch versammelt.

Der Marsch brach von Chapingo gegen 17:00 Uhr auf, mit ca. 2000 Menschen,
wurde aber zusehends größer. Von Straßenüberführungen aus war es unmöglich
das Ende des Zuges zu sehen, als es die Autobahn einnahm, die nach Atenco
führte. Einschätzungen lokaler Reporter zufolge, umfasste der Marsch
zwischen 4000-10000 Menschen, als er Atenco erreichte.

Als der Zug die Stadt von Texcoco durchquerte, wo die Gewalt am Donnerstag
begonnen hatte, verschlossen einige Bewohner die Gittertüren der Fenster,
ein sichtbares Zeichen der Furcht, die in Texococo herrschte. In den vier
Monaten der Anderen Kampagne, war so etwas noch niemals vorgekommen. Aber
die Polizei wartete nicht auf die Demonstranten. Ein paar Staatspolizisten
fuhren dem Marsch auf Motorräder voraus, und mehrere Buse mit
Bundespolizisten fuhren hinterher.

Die Demonstranten erreichten Atenco ohne Konfrontationen mit der Polizei.
Auf dem zentralen Platz sprachen mehrere Gemeindeanführer und Eltern, deren
Kinder verprügelt und verhaftet worden waren, zu der Menschenmenge, die den
Marktplatz erfüllte.

"Mein Junge war auf dem Weg zur Arbeit, als sie ihn ergriffen haben," sagte
eine Frau, "ist das Gerechtigkeit?"

Subcomandante Marcos griff die Pressemanipulationen über die Gewalt in
Atenco scharf an, und beschuldigte die Regierung, Direktoren der Presse,
Fernsehen und Rundfunk anzuweisen, Bilder der Polizeibrutalität
zurückzuhalten, während hingegen die gleichen Bilder von Demonstranten, die
einen Polizisten verprügeln, immer und immer wieder gesendet und
herumgereicht werden.

Marcos hielt fünf leere Gewehrpatronen hoch, die Einwohner nach der
Belagerung vom Boden gesammelt hatten. "Hier ist der Beweis dafür, wer den
Jungen getötet hat", sagte Marcos.

Er bot an eine der Patronen den Reportern von Televisa und TV Azteca zu
überreichen, die größten Medienkonzerne in Mexiko, aber diese lehnten es ab
sich zu erkennen zu geben. Marcos sagte, er würde allen Reporter Interviews
gewähren, die sich einverstanden erklären, das Interview "ohne Schnitte und
Änderungen" zu publizieren", und signalisierte damit eine wichtige Änderung
in der zapatistischen Medienpolitik im Rahmen der Anderen Kampagne, die bis
dahin alle Interviewgesuche abgelehnt hatte.

Marcos bekräftigte erneut die zapatistische Unterstützung für Atenco und
seiner politischen Gefangenen.

"Ihr seid nicht alleine," sagte er, "Wir werden weiterhin im ganzen Land
Mobilisierungen durchführen, bis alle politischen Gefangenen befreit sind.."

Er beschuldigte die Regierung auch, die Repression geplant zu haben: weshalb
stand die Polizei bereit hier anzugreifen, wenn ihr Problem in Texcoco
stattfand, fragte er. "Weil sie wieder mal ihren Flughafen wollen, und sie
sich das Land holen möchten."

Marcos gab bekannt, dass er und die Teilnehmer der Anderen Kampagne auf
unbestimmte Zeit in Mexiko Stadt bleiben würde, und rief zu einer
Landesweiten öffentlichen Versammlung in Atenco in den nächsten zwei Tagen
auf.


* * *
(übs. von Dana)



Marcos: "Wir bleiben in Atenco bis alle Gefangenen frei sind!"

Hermann Bellinghausen und Gustavo Castillo

La Jornada

San Salvador Atenco, Bundesstaat Mexiko, 5. Mai. Subcomandante Marcos kehrte
heute nach San Salvador Atenco zurück, und auch wenn der dortige Empfang
nicht so gewaltig ausfiel wie am 26. April, war die Zahl der Menschen, die
er mit sich brachte, fast so groß wie jene derer, die ihn bei dieser
Gelegenheit erwartet hatten. Die Botschaft der Demonstranten lautete "Ihr
seid nicht allein". Er gab bekannt, dass er in Mexiko Stadt bleiben und an
den Aktionen teilnehmen wird, bis alle Gefangenen befreit worden sind.

"Gestern und heute waren wir Zeugen einer wahren Lügen- und Lynchcampagne
gegen die Frente de Pueblos en Defensa de la Tierra (Volksfront zur
Verteidigung des Landes) und der Bevölkerung von San Salvador Atenco. Mit
manipulierten Bilder, Fotos und Worten stellen sich die Massenmedien in den
Dienst der Lüge. Ein Pressesprecher sagte, er glaube nicht an Zufälle. Er
glaubt genauso wenig an die Wahrheit. Natürlich ist es offensichtlich, dass
jene, die für diese Lügenkampagne der Massenmedien zahlen, das Geld haben,
und wir nicht. Die von Oben, die diese Kampagne finanzieren, stehen nicht
auf der Strasse, sie arbeiten nicht in den Fabriken und auf den Feldern, sie
leben nicht in den Bergen; wir sind es, jene von unten, die das alles tun.
Die Massenmedien führen eine Verleumdungskampagne gegen gute und edle
Menschen aus.

"Die Compañeros der FPDT sind Anhänger der Anderen Kampagne, und halten sich
an das Versprechen, dass wir uns gegenseitig helfen müssen. Die Compañeros
von Texcoco baten sie um Hilfe, weil sie vertrieben werden sollten. Diese
Compañeros und Compañeras ersuchten um ein Dialog mit den Bezirkspräsidenten
von Texcoco, der zur PRD gehört, und dieses Recht wurde ihnen verweigert,
man drohte ihnen mit Vertreibung. Ignacio del Valle, machte sich mit einer
Gruppe Männer und Frauen auf, um ihnen durch ihre Anwesenheit beizustehen,
so wie das oft getan wird, in allen kleinen und großen Kämpfen von Unten.
Wie sollen wir dieser Diskreditierungskampagne gegen diese Menschen glauben,
die wir gut kennen, und die sie als Kriminelle hinstellen wollen, wenn wir
sie in den schwierigsten Augenblicken an unserer Seite gesehen haben, und
die
uns stets ihre Kraft und ihre Unterstützung gegeben haben ohne
irgendetwas im Gegenzug zu fordern."

An die versammelten Reporter und Kameraleute gewandt, die im Augenblick
aufnahmen, fragte Marcos "Welches Pressemedium kann stolz darauf sein, Peña
Nieto Stimme zu verleihen, ein Idiot und nun auch ein Mörder?" Die
Massenmedien "leiten eine Schmierenkampagne, und Sie führen sie aus; das
einzige, das Sie erreichen, ist der wachsende Hass und Unmut, der Ihnen
entgegenschlägt. Es werden nicht ihre Bosse sein, die von den Beleidigungen
und der Empörung getroffen werden, sondern Sie, die Kameraleute, Reporter,
Fotografen, weil Sie die Firmen repräsentieren, die diese Falschdarstellung
verkaufen - hier unten glaubt keiner denen von Oben.

"Wieso meinen die Fernsehsender, die Radiostationen, die Zeitungen, dass wir
ihnen glauben würden, wenn sie die Lüge nur oft genug wiederholen, wenn sie
früher schon über alles gelogen haben, was unten vorgeht? Das einzige was
sie erreichen, ist dass der Unmut wächst, und was gestern hier passiert ist,
ist ein kleines Beispiel davon. Und es werden mehr folgen. Auf den ersten
Bildern von den Festnahmen konnte man eindeutig sehen, wie die Polizei
Gefangene verprügelte, die bereits bewegungsunfähig waren; am Abend war
bereits alles umeditiert; die prügelnden Polizisten waren nirgends mehr zu
sehen. Wo sind diese Bilder abgeblieben? Wo sind die Verschwundenen
abgeblieben? Wir vermissen zwei Compañeros. Einer ist der Sohn von Ignacio
del Valle, sein Name ist César, und der andere ist Ulises Ríos. Sie sollen
sie zeigen. Die Angehörige der Festgenommenen haben uns gewarnt, dass die
Frauen vergewaltigt werden. Wo ist hier denn ihr Rechtsstaat? Was hat die
Polizei hier in San Salvador Atenco zu suchen, wenn es ein lokales Problem
in Texcoco gewesen ist? Sie tun das, was wir schon letztes Mal gesagt haben,
als wir hier ankamen, sie wollen dieses Land zurück, und sie wollen den
Flughafen. Dafür haben sich die PRD, die PAN und die PRI eingebracht, und
jetzt wollen sie ihre Debatten und Wahlkampagnen darum aufbauen, und um das
Privileg wetteifern, wer vor dieser Ungerechtigkeit den Kopf in den Sand
steckt, und wer ihr applaudiert und sich damit brüstet, ein hartes
Eingreifen zu fordern."

Mit energischer Stimme fuhr er fort: "Hier unten glauben wir nichts davon,
und das nicht nur, weil wir diese Menschen kennen, sondern auch, weil wir
das
Vorgehen der Medien kennen. Wir bitten Sie, sich das hier anzusehen". In
diesem Augenblick zeigte er fünf Gewehrkartuschen. "Das hier wird von der
'unbewaffneten' Polizei verschossen. Man hat uns fünf dieser Kartuschen
überreicht. Hier ist der Beweis dafür, wie unbewaffnet die Polizei gekommen
ist; der Beweis dafür, was diesen jungen Compañero getötet hat; der Beweis
dafür, dass es nicht darum ging, die Ordnung aufrechtzuerhalten, sondern
Zerstörung und Tod zu verursachen. Das hier lässt die Polizei des
Bundesstaates México zurück." Dann bot er eine der Patronen der Televisa an.

"Das ist die Wahrheit, die Unfähigkeit der PRD im Rathaus von Texcoco,
vereint mit der von Peña Nieto und Vicente Fox. Aus drei Idioten wird ein
Verbrecher, und der ist dann nach Atenco gekommen". Im Gegenzug, so fuhr er
fort, "sind wir gekommen, Compañeros der Anderen Kampagne, denn Sie gehören
zu uns, Ihre Gefangenen sind auch die unseren, und darüber hinaus, wurden
auch Compañeros und Compañeras von anderen Organisationen verhaftet, die zu
uns gehören. Wir kommen um Ihnen zu sagen, dass Sie nicht allein sind, dass
wir im ganzen Land weiterhin Mobilisierungen durchführen werden, bis alle
Gefangenen freigelassen, und alle Verschwundenen wieder aufgetaucht sind,
bis alle Haftbefehle wiederrufen worden sind, und Atenco den Frieden
zurückerhält, der an diesem Morgen und an diesem Tag geraubt wurde, als die
es von der Staatspolizei und der Bundespräventivpolizei angegriffen wurde."

Ironisch meinte er: "3000 Polizeikräfte gegen 50 Personen, die sich auf
diesem Platz befinden. Was für Helden, was für ein Rechtsstaat, was für ein
Dreck! Was für ein Privileg, was für eine Ehre für die Regierung, einen
Jungen zu töten. Welche Ehre, Frauen zu schlagen und zu vergewaltigen, was
für eine Ehre alte Menschen zu verhaften und zu verprügeln! Was für eine
Ehre hat dieser Rechtsstaat? Wo war der Rechtsstaat zu der Stunde, als der
Gouverneur (von Puebla, Mario) Marin ihn sich mit zwei Cognacflaschen
erkaufte, zu der Stunde als Señora Sahagun ein Stück des Landes für ihre
Söhne kaufte, zu der Stunde als diese Räuberbande, die oben ist, beim
stehlen gefilmt und auf Video gezeigt werden?

Er warnte: "Wir werden weiterhin demonstrieren, weiterhin die Leute aufrufen
ihnen nicht zu glauben. Gestern haben wir daran gearbeitet, damit in unsere
Organisation, die EZLN, alles geregelt ist, falls hier irgendetwas passiert.
Ich möchte sie davon in Kenntnis setzen, dass wir auf unbestimmte Zeit hier
in D.F. bleiben werden, um an den Aktionen teilzunehmen.

"Mitarbeiter der Presse und Massenmedien: seit Beginn der Anderen Kampagne
haben wir uns entschieden, es den Oberen zu überlassen, sich um den ersten
Preis für Mittelmäßigkeit schlagen. Wir haben niemandem Interviews gewährt,
sondern den alternativen Medien den Vorzug gegeben. Ab sofort werden wir
dazu übergehen, allen Kommunikationsmedien Interviews zu geben, die
garantieren, unser Wort ohne Kürzungen und Schnitte zu präsentieren. Um ein
erstes Interview zu erhalten, müssen sie eine dieser Patronen
veröffentlichen.

Minuten vorher, entrichtete die junge América del Valle, die von der Staats-
und Bundespolizei gesucht wird, eine telefonische Botschaft, die auf dem
Platz von Atenco wie aus den Tiefen einer Flasche klang: "Unsere Würde ist
stärker als die Polizeihunde, die Schläge und das Gefängnis, und wir sagen
ihnen: wir stehen hier weiterhin aufrecht. Sie haben uns nicht geschlagen,
trotz ihrer Vergeltung! Wenn das organisierte Volk gestern ihr Megaprojekt
verhindert hat, wird sich heute zeigen, dass es in Mexiko nicht nur ein
Atenco gibt, sondern viele. Und wir sind alle empört und wütend, aber vor
allem entschlossen, uns weiterhin gegen dieses repressive politische System
zu organisieren. Heute mehr den je, haben wir Grund zu kämpfen, gegen die
Mörder von Javier Cortés Santiago, gegen die Vergewaltiger und die
Gefängniswärter dieses Landes, und gegen alle Lügner und Heuchler, die
dieser Repression Beifall spenden ".


Die Strecke, die Subcomandante Marcos aus der Calle Zapotecos im Obreras
Viertel der Hauptstadt, bis zur Universität von Chapingo zurücklegte, war
eine Zurschaustellung polizeilicher Mobilmachung, und infolgedessen die
angespannteste und gefährlichste Reise, die bisher im Rahmen der Anderen
Kampagne geführt wurde. Gefolgt von mindestens 20 Fahrzeugen der jeweiligen
Körperschaften, setzte er den Weg durch verschiedene Routen der Hauptstadt
fort, und bog dann auf die Strasse Los Reyes - Texcoco. Gegen 16:00 Uhr
durchbrach Delegado Zero den Polizeigürtel und erreichte das Haus, in dem er
die letzten zwei Nächte verbrachte. Offiziellen Quellen zufolge, waren an
dem polizeilichen und militärischen Aufmarsch 120 Kräfte der PFP, PGR,
SEDENA, CISEN und Regierung beteiligt, ohne die Gerichtspolizei von D.F. und
dem Bundesstaat México zu zählen.

In Chapingo wurde er von ca. 1500 Personen erwartet. Innerhalb einer Stunde,
setzte Delegado Zero den Marsch Richtung Texcoco in Bewegung. Es war gegen
18:00 Uhr. Um diese Zeit war die Zahl der Demonstranten bereits auf 2000
Personen angewachsen. Bei der Durchquerung der Stadt Texcoco hatten sich ca.
4000 Menschen dem Zug angeschlossen. Mehrere Gruppen warteten bereits. Die
Hauptslogans lauteten "Atenco, escucha, el pueblo está en tu lucha" (Höre
Atenco, das Volk ist in Deinem Kampf) und "Todos somos Atenco" (Wir alle
sind Atenco).

Die Demonstranten riefen Sprüche gegen die Banken, die PRD-Regierung von
Texcoco, die politischen Kandidaten, die von ihren Wahlplakaten
heruntergrinsten und insbesondere gegen den Gouverneur vom México,
Enrique Peña Nieto. Der Aufruf "Freiheit für die politischen Gefangenen"
erhielt neue Resonanz. Viele Menschen, schlossen sich dem Zug an. "Wir
wollen, dass alle freigelassen werden", riefen einige Frauen am Rand der
Strasse Texcoco-Lecheria und baten die Kameraleute: "Zeigen Sie alles,
nicht nur das, was denen von Oben gefällt".

* * *

(übs. von Dana)



Zusammenschnitt aus einem Bericht des "Anderen Journalismus" von NarcoNews,
der die Erklärung von Delegado Zero in Atenco etwas ausführlicher behandelt.

:^) Dana

* * *

Marcos fordert Presse in Atenco auf die Wahrheit zu sagen

Von Al Giordano
NarcoNews / DerAndereJournalismus

5. Mai 2006

San Salvador Atenco, Bundesstaat México, Freitag, Cinco de Mayo 2006. Eine
glänzende Patronenhülse im leichten abendlichen Nieselregen hochhaltend,
forderte Subcomandante Marcos die Massenmedien - namentlich Televisa und TV
Azteca, die Zwillingsantenne der Desinformation in Mexiko - mit den Worten
heraus: "Wir Zapatisten haben immer die Wahrheit gesagt."

Die Patronenhülse, erklärte Marcos, beweise, dass Polizeikräfte für den Tod
des 14-jährigen Javier Cortés am letzten Mittwoch verantwortlich gewesen
sind. Der Sprecher der Zapatistischen Armee der Nationalen Befreiung (EZLN)
gab zu verstehen, dass er die Wahrheit dieser Geschichte nicht in einer
Welle der Unehrlichkeit seitens der Regierung und Massenmedien untergehen
lassen würde.

In Erwiderung auf die "Verleumdungskampagne", die von den zwei nationalen
TV-Stationen und anderen Massenmedien in den letzten Tagen gegen die
kämpfenden Einwohner von San Salvador Atenco und deren (nun gefangenen)
Anführern geführt wird, wandte sich Marcos an die Reporter. Es war sein
erster öffentlicher Auftritt seit Mittwoch Nachmittag, als er den Roten
Alarm der EZLN ausgerufen hatte, inmitten einer Menge von mehr als 10.000
empörten Einwohnern von Atenco sowie eine Masse von Studenten und
Unterstützer der zapatistischen Anderen Kampagne, die an diesem Abend mit
ihm neun Kilometer weit nach Atenco marschiert waren.

"An die Presse und deren Mitarbeiter," sagte er. "Ich habe Sie in Chiapas
gesehen, wie Sie ihr Leben riskiert und Hunger gelitten haben, und ich habe
gesehen, wie Ihre Bosse alles umändern. Ich habe gesehen, wie Ihre Fotos,
Ihre Videos, in den Schubladen Ihrer Herausgeber verschwinden."

"Hier findet eine Lynchkampagne gegen die FPDT (Volksfront zur Verteidigung
des Landes, die Organisation der Einwohner von Atenco, die 2002 den Bau
eines Milliarden-Dollar Flughafens verhindert haben), und deren Anführer",
fuhr Marcos empört fort. "Ihre Bosse stellen sich selbst im Dienst der Lüge.
Sie werden von denen bezahlt, die Geld haben, und wir haben es nicht. Nun,
sie stehen nicht auf den Strassen. Sie arbeiten nicht in den Fabriken. Sie
ackern nicht auf den Feldern. Die Massenmedien ... diskreditieren die guten
und edlen Menschen, die kämpfen. Die Mitglieder der FPDT sind Unterstützer
der Anderen Kampagne. Ignacio de Valle und andere Männer und Frauen machten
sich diese Woche auf, um anderen Unterstützer zu helfen, und diese Aufgabe
haben sie erfüllt. Und wir werden sie genauso unterstützten".

"Und Sie stehen hinter den Kameras," wandte er sich an die Reportermenge,
die sich um die Stufen des Emiliano Zapata Auditoriums versammelten. "Es
werden nicht Ihre Bosse sein, die sich der Empörung und den Beleidigungen
der Menschen stellen müssen. Das werden Sie sein, die Kameraleute,
Videotechniker und Reporter."

"Hier unten glauben wir keinem Pressebericht, denn wir sind bereits damit
vertraut, wie die Massenmedien mit Informationen umgehen," sagte er, und
griff in eine weiße Plastiktüte.

"Hier ist, was einige Einwohner uns heute Abend gebracht haben," sagte er,
und hielt ein glänzendes Objekt in die Luft, während das Nieseln in einen
leichten Regen überging. Die Menge wurde still. "Dies ist eine
Gewehrpatrone, wie sie von der Staatspolizei im Bundesstaat Mexico
eingesetzt wird. Televisa! Wo bist du? Ich habe hier eine Patrone für Dich.
TV Azteca! Bist du hier? Hier sind die Patronen! Bringt sie euren Chefs!
Was, ihr kommt nicht nach vorn?"

"Ich werde auf unbestimmte Zeit in Mexiko Stadt bleiben, um an den
Mobilisierungen teilzunehmen," gab Marcos bekannt, und wiederholte, dass die
Proteste nicht abbrechen würden, bis alle politischen Gefangenen dieser
Woche - 400 soweit uns bekannt, und die Zahl steigt weiter - freigelassen
worden sind. "Pressearbeiter: Seit dem Beginn der Anderen Kampagne, haben
wir niemandem Interviews gegeben. Wir hatten eine andere Idee, um die
Mittelmäßigkeit der Oberen zu konfrontieren. Wir haben uns entschieden, die
alternativen Medien zu bevorzugen."

"Aber das wird sich ändern," sagte er. "Wenn unser Wort ungeschnitten und
nicht editiert gesendet wird ... aber zuerst werden sie eine dieser Patronen
an ihre Bosse überreichen müssen."

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(übs. von Dana)