Eine Woche nach den Aufständen der
Bevölkerung von San Salvador Atenco nahe Mexiko-Stadt gegen
Polizeiübergriffe auf ambulante Blumenhändler spitzt
sich die politische Auseinandersetzung um den Vorfall weiter zu.
Während die Staatsanwaltschaft inzwischen 189 der über
200 Verhafteten wegen Bildung einer »kriminellen
Vereinigung« angeklagt hat, soll es am heutigen Donnerstag
weitere landesweite Proteste und Straßenblockaden
verschiedener sozialer Bewegungen geben. Ihr Ziel ist die
Freilassung der Beschuldigten. Diese seien »politische
Gefangene« und Opfer eines Racheaktes staatlicher
Repression. Bereits in den zurückliegenden Tagen gab es
zahlreiche Proteste, darunter vor mexikanischen Konsulaten und
Botschaften im Ausland.
Besondere Brisanz gewinnt die Lage
durch die Präsenz von Subcomandante Marcos, dem Sprecher der
aufständischen Zapatisten aus dem Bundesstaat Chiapas, in der
Hauptstadt. Marcos will seine im Rahmen der von den Zapatisten
initiierten »anderen Kampagne« durchgeführte
Rundreise durch das ganze Land zur Bündelung
antikapitalistischer Kräfte so lange unterbrechen, bis die
Inhaftierten frei sind.
Die öffentliche
Betrachtungsweise des Konfliktes hat sich inzwischen verändert.
Noch vor Wochenfrist bezeichnete Präsident Vicente Fox den
Widerstand aus Atenco als »Angriff auf den Rechtsstaat«.
Mitglieder des Volksbündnisses zur Verteidigung des Landes (
FPDT) kamen am 3. Mai von der Polizei bedrohten Blumenhändlern
im Nachbarort Texcoco zur Hilfe. In der darauf folgenden
neunstündigen Straßenschlacht schlugen sie die Polizei
mehrfach unter dem Einsatz von Macheten und Molotow-Cocktails
zurück. Dabei gab es viele, zum Teil schwer Verletzte auf
beiden Seiten. Ein 14jähriger starb an einer Schußwunde.
Die Mainstreammedien, allen voran Fernsehen und Radio, begleiteten
die Wiederherstellung von »Recht und Ordnung« durch
den von der Verhaftungswelle begleiteten Einmarsch von 3000
Polizeikräften am Folgetag nahezu jubelnd. Gewalt schien nur
von den rebellischen Bewohnern auszugehen.
Nach und nach
bekanntgewordene Bilder und Details zeigen jedoch andere Fakten.
So deutet vieles darauf hin, daß der Jugendliche durch eine
Polizeikugel starb. Die extrem brutale Behandlung bereits
festgenommener Personen durch die Uniformierten, die offenbar
vorsätzliche Zerstörung von Wohnungen prominenter
FPDT-Mitglieder sowie folterähnliche Praktiken auf dem
Transport zur Haftanstalt sind inzwischen breit dokumentiert. Zwei
in Atenco anwesende Spanierinnen und eine Chilenin, die zusammen
mit einem Landsmann und einer Deutschen in Atenco verhaftet und
Stunden später deportiert wurden, berichten über
Vergewaltigungen und sexuelle Belästigungen während des
Polizeigewahrsams. Das Menschenrechtszentrum Miguel Augustin Pro
Juárez berichtete von einer Mehrfachvergewaltigung einer
weiteren Frau während des Polizeitransportes. Ein von der
Polizei verhaftetes FPDT-Mitglied galt nach Angaben mehrerer
mexikanischer Menschenrechtsaktionen vom Dienstag noch als
»verschwunden«. Viele Beobachter werten den
Polizeieinsatz in Atenco im Rückblick als eine
Strafexpedition, mit der ein Exempel statuiert werden sollte. »Es
riecht nach Rache«, faßt die Wochenzeitung proceso den
Eindruck zusammen.
Wie die Verfahren gegen die Verhafteten
und die Aufarbeitung der Ereignisse sich in den kommenden Wochen
entwickeln werden, ist angesichts der durch die Anfang Juli
anstehenden Präsidentschafts- und Parlamentswahlen sowie der
schon aufgeheizten politischen Atmosphäre in Mexiko schwer
abzusehen. Deutlich abgezeichnet hat sich allerdings die
Repositionierung der »anderen Kampagne« und der
Zapatisten. Die Marcos-Rundreise fand in den vergangenen Monaten
weitgehend unbeachtet von den Medien statt. Sie diente vor allem
dem Zuhören und der Abstimmung in kleinem Kreis mit Hunderten
Organisationen, die in der traditionellen mexikanischen
Parteipolitik keine Perspektive sehen.
Jetzt sind die
Scheinwerfer aber auch wieder auf die »andere Kampagne«
und den Subcomandante gerichtet. Dieser antwortete am Wochenende
mit einem durch den Konflikt in Atenco begründeten Schwenk in
seiner Medienpolitik. Erstmals seit fünf Jahren gibt er
wieder Interviews. Durchaus ein Balanceakt: Nachdem Marcos das
erste ausführliche Gespräch der Tageszeitung La Jornada
gestattete, kam er am Dienstag morgen zu einem Live-Interview in
die Studios des Mediengiganten Televisa. Den Privatsender hatte er
in der Vergangenheit nicht ohne Grund immer wieder als einen der
Hauptverantwortlichen für die Desinformation der
Öffentlichkeit kritisiert.