- MEXIKO
KÜNDIGT MASSIVE DEPORTATIONEN AN
-
- (Guatemala-Stadt,
8.Mai 2006, cerigua-poonal).- Mit der Ankündigung
-
einer bevorstehenden
Ausweisung von mehr als 100.000 im Land
-
verteilter
Zentralamerikaner beteiligt sich Mexiko an der "Kampagne
-
zur Verortung, Festnahme
und Ausweisung" von illegalisierten
-
Flüchtlingen. Diese
Maßnahme steht im Rahmen des von den Regierungen
-
der Isthmus-Region
unterzeichneten "Abkommens für geordnete, schnelle
-
und sichere Rückführung"
(Repatriación Ordenada, Ágil y Segura) von
-
Migranten.
-
- Mit diesem Vorgehen
soll die zunehmende Migration gestoppt werden,
-
die von der US-Regierung
als eines ihrer größten Sicherheitsprobleme
-
gehalten wird. Im
US-Kongress wie auch im US-Senat spielt das Thema
-
in den letzten Monaten
eine zentrale Rolle.
-
- Die Migranten sind
gezwungen, auf die verschiedensten Möglichkeiten
-
zurückzugreifen, um
ihr Ziel zu erreichen. So auch auf die Hilfe
-
durch "Koyoten"
oder "Polleros", also bezahlte Fluchthelfer. Häufig
-
werden die Flüchtenden
in diesen Fällen Opfer von Erpressungen oder
-
Raubüberfällen,
die unter der Komplizenschaft der Koyoten mit
-
Personal der
Migrationsbehörden, der Polizei und des Militärs
-
stattfinden. Nicht selten
werden die Migrantinnen und Migranten
-
schlicht in den Wüsten
der mexikanischen Bundessstaaten Sonora und
-
Arizona "vergessen".
Darüber hinaus reisen die Zentralamerikaner
-
unter unmenschlichen
Bedingungen in den Kofferräumen von Autos,
-
eingeschlossen in die
Frachträume von Lastwagen oder mit dem so
-
genannten Todeszug. Viele
sind von diesem Zug heruntergestürzt und
-
wurden von den Rädern
der Waggons verstümmelt.
-
- Die letzte große
Operation gegen die Migranten führte die
-
bundesstaatliche
Präventionspolizei (Policía Federal Preventiva) am
-
vergangenen Sonntag (7.
Mai) in Mexiko-Stadt sowie den mexikanischen
-
Staaten Hidalgo, Sonora
und Chiapas durch. 60 Guatemalteken, 13
-
Salvadorianer und fünf
Menschen aus Honduras sowie drei mutmaßliche
-
Menschenhändler
wurden festgenommen.
-
- Nach Angaben eines
Berichts des mexikanischen Innenministeriums, der
-
am Montag (8. Mai)
veröffentlicht wurde, stieg die Zahl
-
zentralamerikanischer
illegalisierter Migranten, die zwischen 2002
-
und 2004 das mexikanische
Territorium erreichten, von 138 000 auf 240
-
000. Das kommt einem
Anstieg von 70 Prozent gleich.
- ZAPATISTISCHE
ARMEE DER NATIONALEN BEFREIUNG MEXIKO INTERGALAKTISCHE
-
KOMMISSION
-
- 16. Mai 2006
-
- An die Menschen der
Welt An alle Unterstützer der Zezta Internazional
-
- Compañeras und
Compañeros
-
- Unsere Compañeras
und Compañeros Unterstützer der Sechsten Erklärung
-
- aus dem
Lakandonischen Urwald und der Anderen Kampagne in Mexiko,
-
organisieren sich und
bereiten sich vor, um den Kampf für die
-
Freiheit aller
politischen Gefangenen fortzuführen, die am 3. und 4.
-
Mai in San Salvador
Atenco, Bundesstaat México, festgenommen worden
-
sind.
-
- Wir möchten dazu
aufrufen, weiterhin friedliche Proteste
-
durchzuführen und
unsere Compañer@s zu unterstützen. In Mexiko ist am
-
19. Mai, um 8:00 morgens,
ein Tag von Aktionen und Mobilisierungen
-
geplant. Der Vorschlag
ist, dass diese Aktionen auch auf
-
internationaler Ebene
stattfinden, und die Menschen sich in ihre
-
jeweiligen Ländern
mobilisieren.
-
- Die zweiter nationale
Mobilisierung in Mexiko ist für den 28. Mai
-
2006, um 10:30 Uhr
geplant. Der Vorschlag ist auch hier, uns überall
-
auf der Welt zu
organisieren.
-
- Compañeros und
Compañeras:
-
- Wir wissen und
glauben, dass Mobilisierungen aller Art organisiert
-
werden, um unsere Gefühle
über das auszudrücken, was sie unseren
-
Compañer@s aus
Atenco angetan haben, weil sie es damit auch uns
-
selbst angetan haben, und
es weiterhin tun werden, wenn wir uns nicht
-
zusammenschließen
und uns gegenseitig unterstützen.
-
- Niemand kann unsere
Mobilisierungen aufhalten. Denn sie sind gerecht
-
und notwendig für
unseren Kampf.
-
- Freiheit für
alle unsere Compañer@s aus Atenco!
-
- Aus den Bergen des
Lakandonischen Urwalds
-
- Für die
Intergalaktische Kommission Teniente Coronel Insurgente
-
Moisés.
-
- * * *
-
- (übs. von Dana)
- Staatsanwaltschaft
von D.F.: Javier Cortés absichtlich ermordet
-
- Tödliche Kugel
aus 70 cm Entfernung abgefeuert
-
- Von Israel Davila, La
Jornada 18. May 2006
-
- Toluca, México,
17. Mai 2006. Der Tod des jungen Javier Cortés
-
Santiago während der
Konfrontation zwischen den Bewohnern von Atenco
-
und der Staats- und
Bundespolizei am 3. Mai, war kein Unfall, sondern
-
wurde absichtlich
herbeigeführt, verkündete heute der Staatsanwalt
-
des Bundesstaates México,
Abel Villicaña Estrada. Die Waffe, die das
-
Leben des Jungen
gefordert hat, wurde aus einer Entfernung von
-
weniger als 70 cm
abgefeuert.
-
- Nach Bericht des
Staatsanwaltes, seien Aussagen von Augenzeugen
-
eingeholt worden, um mit
wissenschaftlicher Exaktheit festzustellen,
-
wer die Schusswaffe
Kaliber 38 abgefeuert hat, die den Jugendlichen
-
getötet hatte, "da
wir noch immer nicht wissen, ob es aus der Menge
-
kam, oder von der
Polizei."
-
- Der Staatsanwalt gab
an, die forensische Untersuchung beweise, dass
-
Cortés Santiago
das Opfer eines direkten und absichtlichen Mordes
-
geworden ist, da es sich
nicht um eine verirrte Kugel handelte. Der
-
Schuss wurde aus einer
Entfernung von weniger als 70 cm zwischen
-
Schütze und Opfer
abgegeben, und der Jugendliche machte schützende
-
Bewegungen, da er seinen
Arm erhoben hatte, und der Schuss durch
-
seinen Arm hindurch, und
in den Brustkorb drang.
-
- Mit Betreff auf das
Video, dass vom Menschenrechtszentrum Miguel
-
Agustín Pro, am 10
Mai veröffentlicht wurde, in dem drei Agenten der
-
mexikanischen
Staatspolizei zugeben, dass die tödliche Kugel von
-
Polizisten abgefeuert
wurde, sei das Material bereits von der
-
Staatsanwaltschaft zur
Beweisaufnahme angefordert worden.
-
- Der Staatsanwalt
versicherte den Reportern, dass das Video "keine
-
juristische Gültigkeit
besitzt" und "bei der Ermittlung der
-
Todesursache völlig
wertlos ist," und fügte hinzu, dass die
-
Staatsbehörden von
México würden es für eine Fälschung halten, da
es
-
- die Identität
der aussagenden Polizisten nicht enthüllte, und die
-
Stimmen entfremdet waren.
-
- * * * (übs. von
Dana)
- "Wir
sehen uns im Gefängnis!"
-
- Die Polizei ging mit
großer Brutalität gegen Blumenhändler vor,
-
danach eskalierte in der
mexikanischen Stadt Atenco die Lage.
-
- Reportage von marius
boch und marco pulquo
-
- Dichter schwarzer
Qualm steigt aus einem Haufen alter Autoreifen auf
-
der Straße empor.
Wenn der Wind dreht, dringt uns der Gestank in die
-
Nasen und nimmt uns den
Atem. "Wisst ihr, dass bei der Verbrennung
-
von Gummi giftige Gase
entstehen?", fragt ein Student. Niemand geht
-
darauf ein. Alle sind
müde. Und nachts kann es sehr kalt sein in
-
Mexiko. Wir rücken
näher zusammen, María nimmt mich in die Arme.
-
Wir hatten uns am späten
Nachmittag im unabhängigen Medienzentrum in
-
Mexiko-Stadt getroffen.
Ein paar Studenten von der Universidad
-
Nacional Autónoma
de México (Unam) und eine Handvoll Punks, die mit
-
der "Anderen
Kampagne" der zapatistischen Befreiungsarmee (EZLN) in
-
die Hauptstadt gekommen
waren (Jungle World 19/06). Zwei Leute
-
brachten gerade die
Internetseiten des Medienkollektivs auf den
-
neuesten Stand, die
anderen tranken Bier oder schlürften Kaffee. Doch
-
dann kam eine Nachricht
übers Netz, die dem entspannten Beisammensein
-
ein Ende machte. In San
Salvador Atenco nordöstlich von Mexiko-Stadt
-
war es am Morgen zu
blutigen Zusammenstößen zwischen der Polizei und
-
einer Gruppe von
Straßenhändlern und Campesinos aus dem benachbarten
-
Texcoco gekommen. Ein
Jugendlicher sei getötet worden. Noch wusste
-
niemand genau wie, die
Gerüchte überschlugen sich. Von einem zweiten
-
Opfer war die Rede, von
Polizisten, die als Geiseln genommen wurden.
-
Wir waren aufgeregt,
wussten aber nicht, was zu tun sei.
-
- Am selben Tag, es war
Mittwoch der 3. Mai, verurteilt Subcomandante
-
Marcos, Sprecher der
EZLN, auf dem Platz der Drei Kulturen in
-
Tlatelolco den
Polizeieinsatz. Für die von den Zapatisten verwalteten
-
Gebiete im Bundesstaat
Chiapas und die zapatistischen Truppen ruft er
-
die "Alarmstufe Rot"
aus. Dann fordert er die Versammelten auf, sich
-
am nächsten Morgen
mit den Menschen in Atenco zu solidarisieren:
-
"Organisiert
Straßenblockaden, Flugblätter, Malaktionen, geordnet und
-
friedlich. Atenco darf
nicht alleine bleiben!"
-
- Wir machten uns auf
den Weg in das Dorf, ohne zu wissen, was uns
-
erwartete. Es war schon
dunkel, als wir an einer Straßensperre kurz
-
vor Atenco auf eine
Gruppe älterer Frauen mit Macheten stießen. Wir
-
blieben bei ihnen und sie
erzählten uns, was sich in Texcoco ereignet
-
hatte. Die
Stadtverwaltung hatte den Campesinos, die seit Jahren
-
Blumen auf dem Mercado
Belisario Dominguez verkauften, mitgeteilt,
-
ihre Stände künftig
andernorts aufbauen zu müssen. Die
-
Blumenhändlerinnen
hatten aber erneut eine Genehmigung erstritten.
-
Als die Frauen
versuchten, ihre Marktstände aufzubauen, gingen
-
Polizisten mit
Schlagstöcken, Tränengas und Schusswaffen gegen sie
-
vor. Die Händlerinnen
und Mitglieder der Campesino-Organisation
-
"Front der Gemeinden
zur Verteidigung der Erde" (FPDT) aus Atenco
-
antworteten mit Macheten
und Molotowcocktails. Nach stundenlangen
-
Straßenkämpfen
waren über hundert Menschen festgenommen, zahlreiche
-
Beteiligte verletzt und
der vierzehnjährige Francisco Javier Cortes
-
von der Polizei
erschossen worden. Die Aufständischen hatten elf
-
Polizisten entführt.
-
- Nach der Rede des
Subcomandante veröffentlicht die EZLN einen Aufruf,
-
in dem sie die im
Landkreis Texcoco regierende Partei der
-
Demokratischen Revolution
(PRD) und die Regierungspartei des
-
Bundesstaates Estado de
México, die Partei der Institutionellen
-
Revolution (PRI),
beschuldigt, für die Unruhen und den Tod des
-
Jugendlichen in Texcoco
verantwortlich zu sein: "Die Allianz zwischen
-
PRD und PRI veranlasste
die Räumung des Blumenmarktes, da er dem
-
Landrat von Texcoco zu
hässlich für das Stadtbild erscheint. Er hätte
-
dort lieber ein
Einkaufszentrum und einen Wal-Mart."
-
- Am Abend wurde es
ruhiger in der Stadt. An den Straßen nach Atenco
-
wurden weitere Sperren
errichtet, um die Bundespolizei aufzuhalten.
-
Essen wurde verteilt.
Aber die Angst vor einem Angriff auf Atenco,
-
wohin sich die meisten
Demonstranten zurückgezogen hatten, war
-
überall zu spüren.
In den folgenden Stunden wurde Benzin in Flaschen
-
gefüllt und die
Reifenbarrikaden wurden erweitert.
-
Seitdem sitzen wir an der
Schnellstraße und warten auf die Polizei.
-
Langsam dämmert der
Morgen. Es ist Donnerstag, der 4.?Mai. Ich
-
betrachte die Umrisse der
beiden Lastwagen, mit denen die Straße
-
blockiert ist. Ich lege
meinen Kopf in Marias Schoß. Dann fallen mir
-
die Augen zu.
-
- In der Nacht zum
Donnerstag treffen sich in Mexiko-Stadt die
-
Kommandeure der
verschiedenen Polizeieinheiten, um die Erstürmung des
-
besetzten Dorfes zu
planen. Leiten soll den Angriff der Vorsitzende
-
der staatlichen
Sicherheitskommission, Wilfredo Robledo. 3?500
-
Polizisten werden
mobilisiert, die Bundespolizei und Spezialeinheiten
-
nicht mitgezählt.
Robledo ist ein erfahrener Mann. Im Februar 2000
-
hat er den Streik der
Studenten an der Unam niedergeschlagen. Auch
-
der brutale
Polizeieinsatz während des Weltwirtschaftsforums in
-
Cancún trägt
seine Handschrift.
-
- Der Knall von
Signalraketen reißt mich aus dem Schlaf. In dichten
-
Reihen marschieren
schwerbewaffnete Polizisten in Kampfmontur auf uns
-
zu. Gasgranaten werden
abgefeuert. Gewehrschüsse sind zu hören.
-
Hubschrauber tauchen in
niedriger Höhe auf. Einige von uns rennen in
-
Panik davon, andere
greifen zu den Molotowcocktails. "Wir sehen uns
-
im Gefängnis",
ist Marías letzter Satz, dann verlieren wir uns im
-
Tränengasnebel. Ich
renne ortseinwärts. Mit Berenice, einer
-
Studentin, flüchte
ich mich in einen Rohbau am Straßenrand. Hinter
-
einer schwarzen
Rauchsäule geht langsam die Sonne auf. Auch hier ist
-
das bedrohliche Geräusch
der Helikopter zu hören, die über der Straße
-
- stehen. Auf dem
Flachdach des gegenüber liegenden Hauses befinden
-
sich Menschen, die das
Geschehen beobachten. Berenice fragt mit
-
Handzeichen, ob sie uns
hineinlassen würden. Sie winken uns zu, und
-
wir laufen hinüber.
-
- In Mexiko-Stadt
werden Straßenblockaden errichtet. Am Kilometer 17,5
-
der Bundesstraße
nach Atenco haben sich kurz nach Sonnenaufgang schon
-
über 300 Menschen
versammelt. Die ersten Reihen der Blockierer sind
-
nur einen Steinwurf von
den Plastikschilden der Bundespolizei
-
entfernt. Als die Polizei
vorrückt, laufen plötzlich zwei Busfahrer
-
zu ihren Fahrzeugen,
starten die Motoren und fahren die Fahrzeuge
-
zwischen die
"Ordnungskräfte" und die Demonstranten. Die Polizei
-
zieht sich wieder zurück.
An den Bussen werden Transparante
-
angebracht: "Wir
alle sind Atenco." Die Busfahrer stehen daneben,
-
rauchen gelassen eine
Zigarette: "Hatten wir denn eine andere Wahl?
-
Die hätten die Leute
doch sonst überrannt."
-
- Ein Hof mit
Kampfhähnen in winzigen Käfigen. Ein Mann, eine junge und
-
eine alte Frau, vier oder
fünf kleine Kinder. Die alte Frau rät uns,
-
lieber eine Familie zu
gründen, als unseren Müttern Sorgen zu
-
bereiten. Irgendwie kommt
mir das bekannt vor. Aber wir sind dankbar,
-
dass sie uns hilft. Käme
die Polizei, würde auch sie Schwierigkeiten
-
bekommen. Der Mann mag
die Polizei nicht, aber auch nicht die FPDT,
-
weil die Organisation
seiner Meinung nach Konflikte in die Stadt
-
hineintrage. Er hat sich
vor vier Jahren an den Protesten beteiligt,
-
mit denen die geplante
Erweiterung des hauptstädtischen Flughafens
-
auf das Gebiet Atencos
verhindert wurde. Heute möchte der Mann lieber
-
seine Ruhe.
-
- Die Polizei nimmt
Ignacio del Valle, den Sprecher der FPDT, in einem
-
Haus in Atenco fest.
Fotoreporter werden Zeugen, wie er von zwei
-
maskierten Polizisten
abgeführt wird. Del Valles Kopf ist zum Teil
-
mit einem Tuch bedeckt,
unter dem sein blutiges Gesicht hervorragt.
-
Del Valle hat bereits im
Jahr 2002 die Protestbewegung gegen den
-
Ausbau des Flughafens mit
angeführt und noch vor wenigen Tagen, am
-
1.?Mai, den
Personenschutz für Subcomandante Marcos in Mexiko-Stadt
-
geleitet. Nun fordert der
Gouverneur des Estado de México, Enrique
-
Peña Nieto,
lebenslange Haft für den "Entführer" und
"Kriminellen".
-
Um sieben Uhr schalten
unsere Gastgeber die Fernsehnachrichten an.
-
Ein Sprecher der
Regierung des Bundesstaates Estado de México
-
begründet den harten
Einsatz mit der Notwendigkeit, die gefangenen
-
Polizeibeamten aus den
Händen der Aufrührer zu befreien. Dann folgt
-
ein Live-Bericht aus
Atenco. Wir hören die dumpfen Explosionen der
-
Gasgranaten, die Rotoren
der Hubschrauber, die Schreie von Menschen,
-
sehen, wie sie
zusammengeschlagen und auf Pritschenwagen geworfen
-
werden. All das ereignet
sich in diesem Moment nur wenige Straßen
-
entfernt von uns. Wir
sehen die schrecklichen Bilder, von draußen
-
dringt der Originalton
herein.
-
- Gegen neun Uhr haben
die Polizeiverbände Atenco vollständig
-
eingenommen. Wem es nicht
gelingt, sich vorübergehend in ein Haus zu
-
flüchten, der wird
festgenommen. In den folgenden Stunden wird der
-
Ort systematisch
durchkämmt. Türen werden eingetreten, die Häuser
-
nach Geflohenen
durchsucht und zum Teil verwüstet. Sechs Tage später
-
werden drei Beamte der
Staatspolizei im Radiosender Canal 40
-
aussagen, man habe ihnen
befohlen, auf alles einzuprügeln, was sich
-
bewegt. Auch der Gebrauch
von Schußwaffen sei ausdrücklich gestattet
-
worden.
-
- Nach zwei oder drei
Stunden findet sich ein hilfsbereiter Nachbar,
-
der uns mit seinem Auto
zur Universität Chapingo in Texcoco bringt.
-
Ich bin erleichtert, die
Gefahr, bei einer Durchsuchung von den
-
plappernden Kindern
verraten zu werden, war groß. In Chapingo haben
-
Studenten ein
Informationszentrum eingerichtet, in dem Namen von
-
Festgenommenen und
Vermissten zusammengetragen werden. Ich suche auf
-
den Listen nach María.
Sie ist nicht dabei.
-
- Am Abend treffen sich
im hauptstädtischen Gewerkschaftslokal der
-
"Union
sozialistischer Arbeiter" verschiedene politische Gruppen und
-
einige flüchtige
Mitglieder der FPDT und beschließen, am kommenden
-
Tag einen Protestmarsch
nach Atenco zu organisieren. Auch die EZLN
-
unterstützt dieses
Vorhaben. Die Vorbereitungen beginnen.
-
Es muss inzwischen
Nachmittag sein. Ich habe keinen Hunger, esse aber
-
schließlich ein
paar Kekse, die irgendwo herumliegen. Sie schmecken
-
ekelhaft. Ich frage
weiterhin jeden, den ich treffe, nach Maria.
-
Irgendwann fahren wir zum
Gefängnis Santiaguito in Toluca. Aber auch
-
dort erfahre ich nichts
über den Verbleib von Maria. Zurück in Mexiko-
-
Stadt erzählt man
mir, dass unter den festgenommenen Ausländerinnen
-
auch Spanierinnen sein
sollen. Jemand will Maria gesehen haben, in
-
der Botschaft, kurz nur,
und sie sei frei. Aber es ist nur eines von
-
unzähligen
Gerüchten. Am Freitagmorgen gibt es neue Listen und neue
-
Hoffnungen. Neben den
Namen von 63 Vermissten und 209 Festgenommenen
-
steht auch die Zahl der
inhaftierten Ausländerinnen und Ausländer:
-
"5". Ihre
Identität ist noch nicht bekannt. Am Nachmittag dann
-
endlich die Namen. Auch
der von María ist dabei.
-
- Die wachsende Kritik
an dem brutalen Polizeieinsatz in Atenco weisen
-
die politischen
Verantwortlichen zurück. Der mexikanische Präsident
-
Vicente Fox verkündet
mit ernster Mine, nur auf diese Weise habe man
-
den "sozialen
Frieden" wieder herstellen können. Gouverneur Peña
-
Nieto weist eine
generelle Kritik an dem Einsatz zurück und
-
verspricht Aufklärung,
"falls es denn unangemessene Aktionen der
-
Polizei gegeben habe".
Sein Amtsvorgänger hat dagegen keine Kreide
-
gefressen.
"Misshandlungen? Menschenrechtsverletzungen? Gab es nicht!
-
Seit wann können
Ratten Menschenrechte für sich in Anspruch nehmen?"
-
Im Informationszentrum
erfahre ich, wohin die Ausländer gebracht
-
worden sind. Die Estación
Migratoria de Iztapalapa in Mexiko-Stadt
-
ist eine Art mexikanische
Ausländerbehörde. Ich finde ein Auto, das
-
mich dorthin mitnimmt.
Lange muss ich vor dem Gebäude warten, dann
-
sehe ich María an
einem Fenster. Wir versuchen, uns mit Handzeichen
-
zu verständigen.
-
- Um 17 Uhr setzt sich
in Chapingo eine Bus- und Autokarawane mit rund
-
2000 Menschen in
Bewegung. Auf dem Marktplatz von Atenco angekommen,
-
hat sich die Zahl der
Teilnehmenden mehr als verdoppelt.
-
Subcomandante Marcos
spricht zu den Versammelten. Er kritisiert die
-
Berichterstattung der
Massenmedien, vor allem der beiden
-
marktbeherrschenden
Unternehmen Televisa und TV Azteca: "Auf den
-
ersten Bildern von den
Festnahmen konnte man eindeutig sehen, wie die
-
Polizei Gefangene
verprügelte, die bereits bewegungsunfähig waren. Am
-
Abend war bereits alles
umgearbeitet, die prügelnden Polizisten waren
-
nirgends mehr zu sehen.
Wo sind diese Bilder geblieben?" Marcos zeigt
-
fünf Gewehrpatronen.
"Das hier wird von der unbewaffneten Polizei
-
verschossen. Hier ist der
Beweis dafür, wie unbewaffnet die Polizei
-
gewesen ist; der Beweis
dafür, was diesen jungen Compañero getötet
-
hat." Er bietet die
Patronen den Journalisten von Televisa und TV
-
Azteca als Beweis an, die
weigern sich jedoch, sie anzusehen.
-
Ich wäre gerne zu
der Demonstration in Atenco gefahren. Meine Sorge,
-
was mit Maria geschehen
wird, ist jedoch größer. Auf das Gerücht hin,
-
die Ausländer würden
heute noch abgeschoben, fahre ich mit anderen
-
Leuten zum
Internationalen Flughafen. Dort weiß niemand etwas davon.
-
Erst am Samstag werden in
den Nachrichten die Ausweisungen bestätigt.
-
Außerdem wird
berichtet, dass bei den zweitägigen
-
Auseinandersetzungen in
Atenco über 200 Menschen verhaftet worden
-
seien. Ihnen wird neben
der "Blockade öffentlicher Verkehrswege"
-
teilweise auch
"gemeinschaftliche Entführung" und gar der Mord an
dem
-
14jährigen Jungen
zur Last gelegt. Immer noch behauptet der
-
Einsatzleiter Robledo,
die Polizei sei unbewaffnet nach Atenco
-
gekommen.
-
- Ich erreiche María
in Barcelona. Sie erzählt mir am Telefon, was
-
passiert ist: "Als
die Polizei uns fand, drückten sie uns mit dem
-
Gesicht zu Boden, zogen
uns Kapuzen über und fesselten unsere Hände.
-
Im Innenhof des Hauses
wurden wir nach unserem Namen gefragt und
-
gefilmt, man begann uns
zu beschimpfen und zu schlagen. Anschließend
-
warfen sie uns auf die
Ladefläche eines Transporters, traktierten uns
-
mit Schlagstöcken
und traten auf uns ein. Uns Spanierinnen
-
beschimpften sie als
etarras, also als Mitglieder der Eta, und
-
nannten uns "Nutten".
Später wurden wir auf ein größeres Fahrzeug
-
umgeladen. Dort fielen
sie über die Frauen her. Da wir Säcke über den
-
Köpfen hatten,
konnten wir nicht sehen, wer sie waren. Ich konnte nur
-
die Stiefel der
Polizisten erkennen, und dass der Boden voller Blut
-
war. Und ich hörte
die Schmerzensschreie der anderen. Sie zerrissen
-
unsere Kleidung, und
viele Hände begrapschten meinen Unterleib.
-
Versuchten wir,
miteinander zu sprechen, schlugen sie uns. Erst im
-
Gefängnis in Toluca
nahm man uns die Säcke vom Kopf und die
-
Handschellen ab. Sie
drohten uns Haftstrafen bis zu einem Jahr an und
-
zwangen uns, irgendwelche
Dokumente und Erklärungen zu
-
unterschreiben. Auf der
Migrationsbehörde bekamen wir Besuch vom
-
spanischen Konsul. Wir
erzählten ihm, was die Polizisten mit uns
-