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Date sent: Thu, 23 Jun 2005 00:03:03 +0200 (MEST)
From: "Gruppe B.A.S.T.A."
To: pcl@jpberlin.de
Subject: EZLN: Die (unmögliche) Geometrie? der Macht in
Mexiko

Die (unmögliche) Geometrie? der Macht in Mexiko

20.06.05


Subcomandante Insurgente Marcos

Oder Geografie? Nein, Geografie ist das mit Norden, Süden, Osten und
Westen. Oder sollte es Geologie heißen? Nein, die beschäftigt sich
mit Steinen (wie in dem Reim „was für ein schönes Steinchen, um
darüber zu stolpern“). Bei der Geometrie geht es um Fläche, Volumen,
Länge, Breite und Denken-Sie-nichts-Unanständiges. Mmh … jetzt bin
ich aber wieder witzig. Vielleicht, weil es vielen missfallen wird,
was wir sagen werden. Weil wir uns auf den angeblichen Unterschied
zwischen der Rechten, der Mitte und der Linken in der Politik von
oben beziehen werden. Und da fangen schon die Schwierigkeiten an:
Ultrarechte, gemäßigte Rechte, konfessionelle Rechte, Linke „getreu
den Institutionen“, Ultralinke oder radikale Linke, gemäßigte Linke,
Mitte, Mitte-Links, Mitte-Rechts, Mitte-Mitte, Mittelfeldspieler und
Mittelstürmer. Aber oben sagen sie, das sie das Eine oder das Andere
sind, je nachdem, was der neue Finger vorgibt, also das Rating. Die,
die wir an einem Tag an einer Stelle sehen, befinden sich am nächsten
schon wieder ganz woanders. Das heißt, das Ganze ist eigentlich ein
Lacher. Oder eine unmögliche Geometrie.

Beim Versuch, diese Geometrie zu verstehen, muss man unserer Meinung
nach in Betracht ziehen, dass der Kapitalismus mit der neoliberalen
Globalisierung einen authentischen Weltkrieg führt, überall und in
jeder Form. Dieser Krieg zerstört nicht nur unter anderem die
sozialen Beziehungen. Er versucht auch, sie nach der Logik des
Siegers neu zu ordnen. Zwischen den Trümmern dieses Reconquista-
Krieges sind die materiellen und ökonomischen Grundlagen des
traditionellen Nationalstaats begraben. Aber nicht nur das, es werden
auch traditionelle Herrschaftsapparate und -formen zerstört oder
zumindest schwer beschädigt (die Beziehungen zwischen Beherrscher-
Beherrschter, Beherrscher-Beherrscher, und Beherrschter-
Beherrschter). Insofern erreicht die Zerstörung auch die
traditionelle politische Klasse, ihre Verfassung, ihre inneren
Beziehungen, ihre Beziehungen zum Rest der Gesellschaft (nicht
nur zu den Beherrschten) und ihre Beziehungen zu den politischen
Klassen anderer Nationen (die so genannten internationalen
Beziehungen). Auf diese Art und Weise hat der neoliberale Krieg die
traditionelle Politik verstümmelt und lässt sie zum Rhythmus eines
Werbespots marschieren, und die durch die neoliberale Bombe in der
mexikanischen Politik verursachte Zerstörung hat ein solches Ausmaß,
dass es sogar nach unserem bescheidenen Standpunkt da oben nichts
auszurichten gibt. Wenn überhaupt, dann nur Comedy-Shows. Es wird zum
Beispiel angenommen, dass es da oben eine Mitte, eine Linke und eine
Rechte gibt. Aber im Wahlkampf drängen sich plötzlich alle in die
Mitte. Als ob sich die Geometrie zusammenzieht und alle sich in
die Mitte drängeln und rufen: „ICH BIN ES“ …

„Ich bin es”, sagt die Partei der Nationalen Aktion (PAN).

Die PAN, Partei der Sehnsucht nach dem demokratischen Kampf, Gómez
Morín und dem „politischen Humanismus“. Der Sehnsucht nach Opus Dei,
MURO, ACJM und Canoa. Der Sehnsucht nach dem Cristero-Krieg , dem
heiligen Tuch und dem Cerro del Cubilete . Der Sehnsucht nach dem
guten Gewissen, der guten Tradition, dem guten Menschen. Der
Sehnsucht nach dem kulturellen Triumph und der Rubrik Soziales in den
Zeitungen (als sich diese noch von der Kriminalrubrik unterschied).
Der Sehnsucht nach Maximiliano, Carlota, Elton John und der Zeit, als
wir noch ein Imperium waren. Der Sehnsucht nach der sonntäglichen
Aspirin, vom Päderasten von der Kanzel aus verteilt, dem Ring der
Besuche vom und beim Papst, und nach den spirituellen Exerzitien nach
dem Motto „retten wir die Welt vom kommunistischen Teufel, seien wir
die Soldaten Gottes“. Der Sehnsucht nach Bridgenachmittagen,
Teerunden, den Caballeros de Colón . Der Sehnsucht nach dem
Verbrennen der Wahlzettel von 1988 und der Ko-Regierung mit der PRI.
Der Sehnsucht nach einem Kalender, in dem sie nicht waren. Der
Sehnsucht nach „das Vaterland, mein Gut, ist die Geschichte in einem
Konvent verschlossen“.

Ebenso wie die derzeitige Bundesregierung wird die PAN heute von der
ultrarechten Organisation El Yunque angeführt. Unter deren Gewicht
liegt die alte PAN und ihre Sehnsucht nach den mit blauen Decken
bekleideten Familien begraben. Und es ist El Yunque, die (wird
behauptet) uns versucht zu überzeugen, dass die PAN jetzt eine
politische Organisation der Mitte ist. Und sie präsentiert uns als
mögliche Präsidenten eine Konstellation von mittelmäßigen Kandidaten,

in der sich, Ehre wem Ehre gebührt, der graue Coupier Santiago Creel
Miranda hervorhebt (ich glaube, bin aber nicht sicher, dass er
vorübergehend Regierungssekretär bei Fox-Sahagún war – heute
weint er sich an der Schulter der Koyotin Fernández de Cevallos aus –
). Eine Liste vorläufiger Kandidaten, in der die Einzige, bei der es
zu einem wahren Wettstreit kommen könnte, nicht erscheint … noch
nicht. Aber sie bewegt schon die Stücke, die ihr El Yunque zuspielt,
um sich einzuschleichen. Erstens, um einen Posten zu haben, der ihr
Immunität garantiert (die Andrés Manuel López Obrador auch schon
versprach, ohne dass ihn jemand darum bat – jedenfalls nicht
öffentlich – ), und zweitens, um, wenn die Luft aus Creels flüchtigem
Ballon raus ist, dem Jammergeschrei nachzugeben, das sie in den
Katakomben der Rechten bittet, anfleht, ersucht und auffordert,
Präsidentschaftskandidatin für Mexiko zu werden. Kandidatin
der Mitte natürlich.

„Ich bin es”, sagt die Partei der Institutionalisierten Revolution
(PRI).

PRI, die Partei der “stabilisierenden Entwicklung”. Schöpferin des
Staatsparteiensystems, seinerzeit von den Analysen von José
Revueltas, Adolfo Gilly, Daniel Cosío Villegas, Pablo Gonzáles
Casanova bloßgestellt. Partei des “Mister Amigou”. Partei der
Unterdrückung der Ärzte, Eisenbahner und Elektriker. Partei der
Massaker vom 2. Oktober 68 und vom 10. Juni 1971. Des schmutzigen
Krieges der 70er und 80er. Der Abwertung. Des Wahlbetrugs. Der
“verrückten Mäuse”, “Schuh-Kabinen”, der “Operation Tamal“ , der
Wahldemokratie, die sich in dem Slogan „Tute und Base-Cap,
Erfrischungsgetränk und belegtes Brot“ zusammenfassen lässt. Des
Diebstahls, der Enteignung, des Betrugs, des Mordes, an Arbeitern,
Campesinos, Studenten, Lehrern, Angestellten. Partei von Fidel
Velásquez, Rodríguez Alcaine, Jonguitud, Elba Esther Gordillo. Der
Colina del Perro . Von Absalón Castellanos. Partei des Wahlbetrugs
von 88. Des Clans Salinas de Gortari. Der Konterreform des Artikels
27 der Verfassung. Des frustrierten Eintritts in die Erste Welt. Des
Massakers auf dem Markt von Ocosingo. Des einsamen Aburto und noch
einsameren Colosio. Des Verrats vom Februar 95. Der Mehrwertsteuer.
Von Acteal, El Charco und Aguas Blancas. Des Beginns des Albtraums in
Ciudad Juárez. Von “ich habe kein Cash dabei“. Der gewaltsamen
Beendigung des Studentenstreiks an der UNAM 1999. Partei, die die
Geschichte zur Wahlkampfpropaganda machte. Der Einführung
neoliberaler Politik, welche die Fundamente Mexikos zerstört hat. Der
Privatisierung staatlicher und halbstaatlicher Betriebe. Der
Immunitätsaufhebung. Des organisierten Verbrechens in der politischen
Partei. Des „das-Vaterland-mein-Gut-ist-eine-Hure-die-sich-dem-
Allertollsten-hingibt-also-mir-selbst“.

Über die PRI gibt es dem bereits Gesagten und unter ihr Erlittenen
nicht viel hinzuzufügen. Die PRI, hervorgegangen aus der
mexikanischen Revolution von 1910, ist heutzutage die Partei mit den
besten Möglichkeiten, eine neue Revolution im ganzen Land zu
verursachen. Die PRI hat keine Verbindung zum organisierten
Verbrechen: sie ist Teil der Führung der Kartelle, die verantwortlich
sind für den Drogenhandel, Entführungen, Prostitution,
Menschenhandel. Der Zynismus, mit dem ihre Anführer die Erinnerung
wegwerfen, bringt sie dazu, so zu sprechen und zu handeln, als hätten
sie nicht 70 Jahre lang die Macht missbraucht und sich an ihr
bereichert. Die Vorkampagnen und Kampagnen der PRI sind das beste
Mittel, die Empörung der Menschen zu provozieren … und ihre
Rebellion.

Beispiele? Enrique Jackson finanziert seinen Wahlkampf mit Geldern
aus dem organisierten Verbrechen, d.h. aus Drogenhandel, Prostitution
und Entführung. Seine Wahlkampfwerbung im Fernsehen finanziert er aus
den Lösegeldern, die er für die entführten Mitglieder reicher
Familien erhält, denen er jetzt „Ordnung“ zur Sternstunde verspricht.
An seiner Seite ist Roberto Madrazo, ein skrupelloser Gangster, nach
der Planung der Eliminierung seiner Konkurrenten nun zur Planung
seiner eigenen Sicherheit übergegangen, damit er nicht selbst
umgebracht wird (obwohl es ihn kaum schützt, den „Croquetas“ Albores
als Schoßhündchen mit sich herumzutragen). Montiel, Yarrington und
Martínez ihrerseits gehen derweil die Liste ihrer Revolverhelden
durch, und die Paredes seufzt, bzw. lauert. In bester PRI-Tradition
wird sich die Kandidatur in den Kloaken der politischen Macht
klären (d.h. Elba Esther wird entscheiden). Die kriminelle Gewalt,
die das Land geißelt, ist nichts weiter als der Kampf der Kartelle um
die Präsidentschaftskandidatur der PRI. Die Verlierer werden, mit
ihren PRI-Chefs, gehen, aber nicht ins Gefängnis … sondern zur PRD.
Wer bleibt, wird sagen, sie gehöre zum Zentrum.

„Ich bin es”, sagt die Partei der Demokratischen Revolution (PRD).

PRD, die Partei der “taktischen Fehler“. Des taktischen Fehlers, mit
ihren Wahlkoalitionen die als Parteien verkleideten
Familienunternehmen zu stärken. Des taktischen Fehlers, sich in
einigen Bundesstaaten mit der PAN zu verbünden und in anderen mit der
PRI. Des taktischen Fehlers der Konterreform zur Indígena-Reform und
der Paramilitärs in Zinacantán. Des taktischen Fehlers von Rosario
Robles und den Skandalvideos. Des taktischen Fehlers, die
Studentenbewegung der UNAM 1999 zu bedrohen und zu
unterdrücken. Des taktischen Fehlers des „Ebrard-Gesetzes“ und des
„Monsanto-Gesetzes“. Des taktischen Fehlers, den Zócalo von Mexiko-
Stadt den Event-Monopolen zu überlassen. Des taktischen Fehlers, sich
mit den Psalmisten zusammenzuschließen. Des taktischen Fehlers der
importierten „Zero-Tolerance-Politik“ und der Verfolgung von
Jugendlichen, Homosexuellen und Lesben wegen ihres „Verbrechens“,
anders zu sein. Des taktischen Fehlers, die Erinnerung ihrer Toten zu
verraten, deren Mörder zu ihren Kandidaten zu ernennen und die
Übriggebliebenen der PRI-Kandidatur zu recyclen. Des taktischen
Fehlers, Bürgerbewegungen in die Bürokratie von Partei und Staat
umzuwandeln. Des taktischen Fehlers, den Tod von Digna Ochoa und
Pável González zu manipulieren, um der Rechten zu schmeicheln. Des
taktischen Fehlers, sich nicht bezüglich der Widerstands- und
Befreiungsbewegungen in anderen Ländern zu definieren, den Kopf zu
senken vor der Macht der USA und zu versuchen, sich das Wohlwollen
der Mächtigen zu sichern. Des taktischen Fehlers der
innerparteilichen Kämpfe und des Betrugs bei internen Wahlen.

Die Partei des taktischen Fehlers der Allianz mit dem Drogenhandel in
Mexiko Stadt. Des taktischen Fehlers, die Leute um Geld zu bitten mit
der Lüge, es sei dafür bestimmt, „unter Wasser“ den Zapatistas zu
helfen. Des taktischen Fehlers der beschämenden Tatsache, den
reaktionärsten Kräften des Klerus zu folgen. Des taktischen Fehlers,
die Toten im Kampf als Freibrief zum Raub, zur Enteignung, Korruption
und Unterdrückung zu benutzen. Des taktischen Fehlers, verrückt vor
Zufriedenheit über ihre Sammlung taktischer Fehler, in die Mitte zu
rennen. Des taktischen Fehlers des “das Vaterland, mein Gut,
ist nicht mehr als ein umstrittenes Budget“.

Und in der Mitte der PRD ... “Ich bin es”, sagt Andrés Manuel López
Obrador, AMLO. Gegen AMLO erhob sich das (einst glückliche)
Präsidentenpaar, wie gezogene Waffen in der einen Hand die PGR, in
der anderen den Obersten Gerichtshof, den Kongress der Union hinter
Schloss und Riegel und die Massenmedien mit der Aufgabe, den Verlust
bei den Ratings seiner Reality-Shows und Comedy-Einlagen
auszugleichen. Der Prozess der Immunitätsaufhebung war nicht
nur eine Komödie mit tragischen Verzierungen, sondern auch ein
Indikator der Unzufriedenheit des Volkes (nein mein Guter, man kann
die Leute heutzutage nicht mehr so auf die Schippe nehmen wie früher)
und vor allem ein vorzüglicher Wahlschub … für den Ausgestoßenen.

Und gegen AMLO erhebt sich Cárdenas Solórzano und beschuldigt ihn,
sich von Anfang an als zum Zentrum gehörig erklärt zu haben und nicht
seiner Tradition gefolgt zu sein, sich zumindest zu Anfang als links
zu erklären … und dann mit Voranschreiten der Kampagne zur Mitte zu
rennen. Er kritisiert ihn wegen seiner Kontrolle über die PRD und
dass er diese beliebig ausnutzt … nachdem Cárdenas das selbst
jahrelang tat. Er wirft ihm seine Allianzen vor und vergisst, dass
auf den Allianzen von Cárdenas selbst die Bereicherung von Familien
(wie der Partei der Nationalistischen Gesellschaft der Rojas-Familie)
und die Verbindung der PRD mit dem Synarchismus basiert –
derselben, die mit der Akzeptanz der Bewerbung beider Parteien 2002
die Juárez-Statue verhüllte (Partei der Sozialen Aktion) – . López
Obrador. Der AMLO, auf die Höhen der “modernen” Demokratie projiziert
(d.h. der Umfragen) durch die absurde und lächerliche Kampagne des
Präsidentenpaares. Der die Bürgerbewegung gegen den Autoritarismus
der Immunitätsaufhebung in einen Akt der persönliche Promotion und
einen Wahlkampfstriptease umwandelte. Der bei der Mobilisierung gegen
die Immunitätsaufhebung nicht den Satz sagte, der wirklich angebracht
gewesen wäre, nämlich “kein Anführer hat das Recht, eine Bewegung,
die einer gerechten Sache dient, anzuführen, um sie hinter dem Rücken
der Mehrheit für seine eigene Machtsuche zu missbrauchen und mit ihr
zu diesem Zweck zu handeln.“ Der zu einem Schweigemarsch aufruft und
ihn, statt ihn zu respektieren, dazu benutzt, zur Macht zu sprechen
und allen das Wort eines Einzigen aufzuzwingen. Der mit Hilfe von
Alchemie 1,600,000 mal Schweigen in die Stimme von Don Porfirio
umwandelt, die trotz des (diesmal wirklich “historischen”)
Pfeifkonzerts vom eigentlichen Gesprächspartner jenes Marsches gehört
wurde: der Macht. Der den Volkstriumph des Marsches vom 24. April
durcheinanderbrachte (und wertlos machte) und ihn in eine persönliche
Errungenschaft in seiner Präsidentschaftskarriere umwandelte. Der Ex-
Ausgestoßene. Der die Macht der Willkür beschuldigte, um dann mit
ihr gegenseitige Entlastungen auszutauschen. Der Denunziant von
“Komplotts”, der dann die als “Staatsmänner” lobt, die er vorher der

Anzettelung der Verschwörungen beschuldigt hatte. Der als eines
seiner ersten Indígena-„Unterstützungskomitees“ in Chiapas die
Kaziken und Paramilitärs von Zinacantán hat, jene, die am 10. April
2004 die zapatistische Demonstration angriffen. Der sich schon selbst
mit dem Präsidentenband sieht. Der als eines der ersten
Regierungsangebote die Straflosigkeit derer garantierte, die soziale
Kämpfer umgebracht und verschwinden lassen haben, die Mexiko ins
Elend gestürzt und sich auf Kosten des Schmerzes aller bereichert
haben. Der mit seinen Handlungen den Menschen die Botschaft
übermittelt, “ich verachte euch ungeheuerlich”.

López Obrador. Der sich selbst mit Francisco I. Madero verglich ...
und dabei vergaß, dass die Gemeinsamkeit nicht damit endet, dass der
Demokrat von Porfirio Díaz eingesperrt wurde, sondern dass die
Geschichte mit einem Madero weitergeht, der seine Regierung mit
ebendiesen Porfiristas bildete (und von einem von ihnen verraten
wurde). Mit dem Madero, der sich, indem er den Forderungen der
Besitzlosen den Rücken kehrte, der Aufgabe widmete, die
gleiche rassistische Wirtschaftsstruktur der Ausbeutung und
Vertreibung des porfiristischen Systems zu erhalten. Diese Details
wurden von AMLO und den Stieglitzen, die an seiner Seite
herumflattern, „vergessen“.

Und vor allem “vergaßen” sie, dass die Zapatistas gegenüber Madero
den Plan de Ayala hochhielten, jenen Plan, über den Madero sinngemäß
äußerte, „veröffentlicht ihn nur, damit alle merken, dass dieser
Zapata verrückt ist“. Aber genug mit vergangenen Geschichten und
Vergleichen. Wir stehen am Anfang des XXI. Jahrhunderts und nicht des
XX., vor einer vorgezogenen Folge der skrupellosen Ambition einer
Frau.

Um herauszufinden, was jemand vorhat, der nach der Macht strebt, darf
man nicht darauf hören, was er nach unten erzählt, sondern auf das,
was er nach oben sagt (zum Beispiel in den Interviews mit den US-
Zeitungen New York Times und Financial Times). Man muss darauf
achten, was er denen anbietet, die in Wirklichkeit herrschen.

Das zentrale Angebot des Präsidentschaftsprogrammes von AMLO ist
nicht, im Nationalpalast zu leben und den Regierungssitz Los Pinos in
eine neue Sektion des Freizeitparkes Bosque de Chapultepec
umzuwandeln. Es ist die „makroökonomische Stabilität“, das bedeutet,

“wachsende Gewinne für die Reichen, wachsendes Elend und Enteignungen
der Besitzlosen, und eine Ordnung, mit der die Unzufriedenheit
letzterer unter Kontrolle gehalten wird“.

Bei der Kritik am Projekt von AMLO handelt es sich nicht um die
Kritik eines Projektes der Linken, denn das ist es nicht, das hat
López Obrador der Macht ganz oben erklärt und versprochen. Er hat
sich klar ausgedrückt, und das sehen nur die nicht, die es nicht
sehen wollen (oder denen es nicht passt, das zu sehen), und so
bemühen sie sich weiter, ihn als einen Mann der Linken
zu betrachten und darzustellen. Das Projekt AMLO’s, so hat er es
selbst definiert, ist ein Projekt der Mitte.

Und die Mitte ist nichts anderes als eine gemäßigte Rechte, ein Tor
zur Klinik für plastische Chirurgie, die aus sozialen Kämpfern
Tyrannen und Zyniker macht, eine stabilisierte Makroökonomie mit
höheren Etagen und morgendlichen Pressekonferenzen.

Wir haben die Regierung von AMLO in Mexiko Stadt näher betrachtet und
analysiert. Und zwar nicht in der Presse, in den auserwählten Kreisen
oder den höheren Etagen, sondern unten, auf der Straße. Wir glauben,
dass dort der Ursprung eines Autoritarismus und eines sechsjährigen
persönlichen Projektes liegt. Das Bild, das AMLO von Carlos Salinas
de Gortari zeichnet, ist in Wirklichkeit ein Spiegel. So erklärt sich
auch die Zusammenstellung seines Teams, ebenso wie sein Programm, das
dem Programm des „sozialen Liberalismus“ von Salinas so nahe steht.
Sagte ich ‚nahe steht’? Besser gesagt ist es die Fortsetzung dieses
Programms. Das ist noch geheim, aufgrund der überwältigenden Dummheit
der Ultrarechten (die einem Elefanten im Porzellanladen gleicht) und
aufgrund des gleichen ideologischen Chaos, das die mexikanische
Politklasse beherrscht, aber es wird bald öffentlich werden.
Vielleicht liegt es an dieser Geheimhaltung, dass einige
Intellektuelle, ebenso wie herausragende soziale KämpferInnen, ihren
heißen Atem dem Ei der Schlange geben, die heute in der Regierung der
Stadt Mexiko nistet.

Mit López Obrador haben wir keinen nostalgischen Führer einer
revolutionären nationalistischen Vergangenheit vor uns, sondern
jemanden mit einem sehr klaren Projekt für die Gegenwart … und für
die Zukunft. AMLO denkt nicht daran, sein Projekt in nur einem
Sechsjahreszeitraum umzusetzen (deswegen ist sein Team auch das mit
den berühmten Worten „wir werden viele Jahre regieren“). Und entgegen
den Erwartungen einiger bietet López Obrador nicht die Rückkehr in
eine populistische Vergangenheit, die die wirtschaftliche Macht so
niederschmettert. Nein, AMLO bietet eine “moderne” Vermittlung und
Verwaltung (also mit dem, was Salinas de Gortari nicht zu Ende
geführt hatte). Und noch mehr: er bietet die Schaffung der Grundlagen
eines “modernen” Staates, deswegen auch seine Anstrengungen, sich von
Lula, Chávez, Castro und Tabaré abzugrenzen. Und das Angebot richtet
er nicht an die unten oder an das, was von der mexikanischen Nation
noch übrig ist, sondern an die wirklichen Herrscher: die
internationale Finanzmacht. Seine Administration wird nicht
neoliberal mit der linken Hand sein (Lula in Brasilien, Tabaré in
Uruguay, Kirchner in Argentinien), auch keine sozialistische
Regierung (Castro in Kuba), und auch kein populärer Nationalismus
(Chávez in Venezuela), sondern ein neues Modell des Nicht-
Nationalstaates (jene Missgeburt des neoliberalen Krieges) in
Lateinamerika.

Wenn Carlos Salinas de Gortari das Musterbeispiel eines Regierenden
im Sinne der neoliberalen Zerstörung in Mexiko war, will López
Obrador das Paradigma des Regierenden werden, der die neoliberale
Neuordnung durchsetzt. Das ist sein Projekt. Es fehlt nur noch, dass
sie ihn lassen oder er kann.

Wir wollen uns nicht der Disqualifizierung von AMLO widmen (das wird
schon die PRD übernehmen und besser könnte es auch keiner –
insbesondere beim Kampf um die Kandidatur für die Regierung von
Mexiko-Stadt – ), aber wir sehen es als unsere Pflicht an, zu warnen,
zu definieren und uns selbst zu definieren. Das ist notwendig, weil
in der Logik von oben, bei der es darum geht, scheinbar etwas zu
verändern mit dem Ziel, das alles beim Alten bleibt, eine nicht
eindeutige Definition zu einer expliziten Unterstützungserklärung
wird: „wenn jemand nicht gegen uns ist, dann ist er für uns“. Die
Definition gegenüber (und nicht neben) dem, was López Obrador
repräsentiert, ist unumgänglich. Sein Vorschlag (und da gibt es
keinen Unterschied zum Vorschlag von Cárdenas in der PRD, und auch zu
keinem anderen Vorschlag jeglicher möglicher Kandidaten jeglicher
Parteien in der superbevölkerten politischen „Mitte“ Mexikos zur
Hälfte des Jahres 2005) ist, VON OBEN UND FÜR OBEN die Leere
auszufüllen, die durch die neoliberale Hekatombe entstanden ist.

Zusammengefasst heißt das, dass da oben Gemeinheit, Unverfrorenheit,
Zynismus und Skrupellosigkeit regieren. Das ist es, was wir über die
politische Geometrie im Mexiko von oben denken. Etwas anderes zu
sagen wäre eine Lüge und der Versuch, die zu täuschen, die wir
niemals getäuscht haben: an erster Stelle uns selbst, aber auch die
Menschen allgemein. Wir werden wütend und empört, wenn wir sehen, was
wir sehen, und wir werden kämpfen, um zu verhindern, dass diese
Mistkerle mit ihrem Teil davonkommen.

Denn es ist der Zeitpunkt gekommen, den Kampf zu beginnen, damit
alle, die da oben die Geschichte verachten und uns verachten,
Rechenschaft ablegen, damit sie bezahlen.

Nun gut. Gesundheit und Achtung, denn unten zeigt die Uhr schon die
sechste Stunde an.

Aus den Bergen des mexikanischen Südostens.

Subcomandante Insurgente Marcos
México, im sechsten Monat des Jahres 2005

PS: ÜBER CHIAPAS. Wenn die Juntas der Guten Regierung zu einem
früheren Zeitpunkt darüber informiert haben, dass es einige
Beziehungen zur Regierung von Chiapas gab, so informieren sie jetzt
darüber, dass diese Beziehungen seit Dezember letzten Jahres beendet
wurden, da die Regierung die wenigen Verpflichtungen, die sie
einging, nicht erfüllte. Weder gab es Entschädigungen noch
Regulierungen, und keine Rechtssprechung in den wenigen
Fällen, in denen sie von ihr gefordert wurde. Sie erfüllten nichts,
denn in Wirklichkeit sind sie genauso rassistisch wie alle anderen.
Sie sind von Autoritarismus und Hochmut besessen, die lokale Justiz
widmet sich dem Menschenschmuggel, Budgets werden für die Mädchen
ausgegeben, die sich in den Anzeigen der entsprechenden Sektionen der
örtlichen Zeitungen anpreisen oder auf dem Strich arbeiten, das Geld
wird in lächerlichen und beschämenden Beeinflussungskampagnen
verschwendet und in Kampagnen zur Entwürdigung von Gegnern (zum
Beispiel die gegen die Lehrerbewegung vor einigen Wochen) sowie
in Promotionskampagnen, wo die eigene Persönlichkeit angebetet wird.
Tja.

***

Übersetzung: Katja

(Die Gruppe B.A.S.T.A. dankt den Übersetzerinnen Katja & Dana und
allen
anderen für ihre Mühen!)

_______________________________________________
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